von Uwe Rada — Theater HÜGENOTTEN in Oderberg —
„Kaputte Familien, zerhauene Gehöfte, gefallene Kirchtürme – nehmen Sie sich, was sie brauchen! Brandenburg ist Ihrs!“
Im Jahr 1685 kamen mit dem Toleranzedikt von Potsdam eine enorme Anzahl Refugiees aus Frankreich nach Brandenburg – Heiko Michels arrangiert „Hügenotten – Willkommen in Brandebourg“ als politische Parabel.
Was also ist, wenn alles in Trümmern ist? Ist das das Ende der Welt? Oder gibt es eine Zukunft? Und wer macht sie, diese Zukunft?
Das Performance-Netzwerk „Limited blindness“ hat diese Fragen als Stationenthater inszeniert und am 6. Juni 2026 auch in Oderberg aufgeführt. Die erste Station, der Marktplatz, verwandelt das Publikum der Rathaus-Spiele kurzerhand in einer Gruppe französischer Glaubensflüchtlinge.
Es ist eine Werbeveranstaltung, wie sie mancher von Pauschalreisen kennen mag. Eine preist, eine andere dolmetscht. Nur dass es in Brandenburg nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr viel zu holen gibt. Geholt wurden stattdessen die Hugenotten. Das Toleranzedikt des Kurfürsten von 1685 verspricht ihnen Steuerfreiheit, Land, Zukunft. Aber verspricht es wirklich Toleranz?
Ganz körperlich erleben diese Frage die Zuschauer an der Alten Oder. Fremde können nicht nur Zukunft ins Land bringen, sie schleppen vielleicht auch Seuchen ein, Unheil, weiteres Verderben. Liz Erber spielt die Verantwortliche, die die Ankommenden auf ihre Gesundheit untersuchen soll, als Seherin. „Ich kann eure Krankheiten riechen“, droht sie, während sie die Reihe abgeht und Witterung aufnimmt.
Das ist bedrohlich und wirft die Frage auf: Welchen Schutz genießen die Fremden? Sind sie nur als Arbeitskräfte, Bauern, Handwerker willkommen? Oder haben sie auch Rechte? Wo werden sie wohnen? Wie werden sie beten?
Dass es mit der Toleranz in Brandenburg auch gegenüber den eigenen Leuten nicht zum besten bestellt ist, zeigt der Monolog von Erber, der bald schon in einen Opfergesang umschlägt. Sie selbst, die Seherin, wird von den Eigenen als Hexe verdächtigt.
Bereits zuvor, auf der Bühne des “Schwarzen Adlers”, hält ein angehender Beamter, der von Martin Heesch grandios gespielt wird, den Glaubensflüchtlingen einen Vortrag über preußische Tugenden. Genauigkeit, Präzision, Pünktlichkeit schreibt er ihnen ins Stammbuch. “Das könnten Katholiken niemals aushalten”, provoziert er. “Würden sich in der Zeit verlieren von Schlag zu Schlag.”
Und dann stehen da auch die kulturellen, in diesem Fall kulinarischen Fragen im Raum. „Ham Sie wat zu essen mitjebracht?“, fragt die Nachbarin, die Ines Burdow als berlinerndes Schwatzweib spielt. „Man isst hier nur Pökelfleisch. Wir hörten von französischer Küche: Spargel, Burgunder, Soßen.“
Natürlich halten historische Analogien auch Fallen bereit. Die größte von ihnen ist vielleicht nicht die, falsch verstanden zu werden, sondern falsch verstanden werden zu wollen. Dann wird die Analogie selbst zum Problem, ist keine Einladung mehr zum Dialog, sondern trägt zur Spaltung bei, ob gewollt oder nicht.
Beim Theaterstück „Hügenotten. Willkommen in Brandenbourg“ ist das anders. Wenn es eine Analogie gibt, findet sie im Kopf des Publikums statt. Das macht den von Heiko Michels inszenierten Stoff in gewisser Weise resilient gegen jede Art von Vereinnahmung oder kopfschüttelndes Ablehnen.
Am Ende bleiben vor allem Fragen: Wer ist heimisch in einem Land, in dem nach der großen Katastrophe so viele als Flüchtlinge kamen? Und was passiert, wenn die Flüchtlinge Fremde bleiben in der Fremde? Wenn Brandenburg nicht „ihrs“ wird?
Hat man dann die Zukunft verspielt?
Performende: Ines Burdow, Liz Erber, Marc Weiser, Martin Heesch, Antje Hagendorf, Dörthe Eickelberg | Text & Regie: Heiko Michels und das Team
Nächste Aufführung im Rahmen der Berliner Museumsnacht im Hugenottenmuseum & Französischen Dom am 29.8.2026
Theaterinszinierung „Hügenotten – Willkommen in Brandebourg“ auf der Webseite des Labels Limited blindness: www.limited-blindness.eu/huegenotten
Rathaus-Spiele Oderberg: www.rathaus-spiele.de
