Von Johanna Frohberg — Jede 2. Woche in Eberswalde gemeinsam essen und zubereiten. —
Die Stimmung ist gut. Mit lila Schürzen und hellen Namensschildchen ausgestattet haben ca. 30 Menschen, Kinder, Rentner und Berufsständische im Café Gustav auf dem Marktplatz von Eberswalde nach Feierabend Stühle und Tische zusammen gestellt und schnippeln nun Zwiebeln, Paprika, Gurken und mehr. Jeder spricht mit jedem, Übersetzungen ins Polnische, Arabische, Sudanesische, Ukrainische, Chinesische werden gesucht und gefunden. Die Kommunikation funktioniert, das Essen schmeckt und als ich später den Zug zurück nach Falkenberg nehme, fühle ich mich gut genährt und 20kg leichter. Keiner der Menschen im Zug scheint mir fremd. Ich bin entspannt.
Seit März 2025 organisiert der afrikanische Kulturverein Palanca jeden 2ten Dienstag ein von Geflüchteten oder Migranten angeleitetes gemeinsames Kochen. Jeder kann kommen und mitmachen, die Teilnahme ist kostenlos. Damit auch für genügend Leute eingekauft wird, wird um Anmeldung gebeten. Spenden sind willkommen.
Die Gerichte, die gekocht werden, und die zumindest ich das erste Mal esse, sind sehr vielfältig und sehr lecker: Am Dienstag den 16.06.26 wird im Café Gustav z.B. tschechenisch gekocht und am 30.06.‘26 im BBZ Amadeu Antonio – lybisch. Aber es gab in diesem Jahr auch schon kubanisch, sudanesisch, marrokanisch, jordanisch, usf. Das erfordert an Organisation einigen Aufwand. Und dennoch: Wenn man sich für Kulinarik und Menschen interessiert, Austausch, gemeinsames Handeln oder einfach neugierig ist, kommt man hier kochend kostenlos kostend auf seine Kosten – denn gefördert wird dieser gerade auch von Rentner*innen, jungen Familien und Studenten als Möglichkeit der Begegnung genutzte Treff durch das Bundesprogramm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ – Projektförderung, die Perspektiven schafft – kurz BGZ.
Dass nun ausgerechnet in diesem Bereich bundesweit 2026 Mittel gekürzt wurden – hört man immer wieder. Mir selbst ist es nicht gelungen, die totalen Zahlen im Vergleich zu den Vorjahren bei den BGZ Mitteln herauszufinden. Daher hat dieser Artikel nun noch ein weiteres Thema: Ich bitte an dieser Stelle die Bundesregierung einfache, niedrigschwellige Tabellen zu Ihren jährlich ausgezahlten Fördermitteln gut auffindbar für jeden Bürger ins Netz zu stellen. Außerdem dann bitte noch ein klarer Überblick für jedermann über die sonstigen jährlichen Ausgaben und Einnahmen, das Ganze dann noch verbunden mit einer gut trainierten KI, die diese Zahlen dann korrekt auswertet und Antworten auf Fragen gibt, wie z.B.:
„Wie hoch war im Jahr 2025 der Anteil von Mitteln für Kultur, die direkt an nicht-staatliche Träger ausgezahlt wurden im Verhältnis zu den Mitteln für den Verwaltungsaufwand, diese Mittel zu verteilen?“ „Wie hoch war der Anteil für Mittel für Kultur im Jahr 2025 am Gesamthaushalt der BRD?“ „Was zählt dabei unter „Kultur“? „Aus welchen Mitteln setzte sich 2025 der Gesamthaushalt zusammen?“ „Wie hoch war 2025 der Anteil vom Gesamthaushalt der BRD für Mittel, die direkt an Geflüchtete ausgezahlt wurden im Verhältnis zu den Mitteln, die an deutsche Träger ausgezahlt wurden, die die Unterbringung, Unterrichtung und Verwaltung von Geflüchteten organisieren?“
Es ist so mühsam, sich das immer einzeln von irgendwelchen Websites und Zeitungsartikeln heraus suchen zu müssen, die auch nicht unbedingt klar in den Quellen sind und keinen soliden Vergleich hergeben, weil die jeweilig einbezogenen oder nicht einbezogenen Faktoren nicht genannt oder gar gezielt verschwiegen werden. Wer verdient wann an was, wo landen die Gelder, wo stammen sie her, könnte – gerade mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und KI – wirklich transparenter sein. Statt auf Investigativ-Journalisten hoffen zu müssen, die wegen Unterbezahlung ohnehin quasi ausgestorben sind, könnte so etwas von vornherein transparent für jeden Bürger vorliegen. Also bitte, Regierende, egal welcher Partei, leitet das mal in die Wege.
Der Demokratie wäre wirklich geholfen.
Aber kommen wir zurück zum Bundesprogramm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ – Projektförderung, die Perspektiven schafft – kurz BGZ – durch welches so schöne und wichtige Projekte wie „Taste of Barnim“ gefördert werden. Werden hier unter Merz nun Mittel gestrichen? Unklar. Klar aber ist: Es waren noch nie genug.
Das können wir alle gemeinsam ganz einfach nachvollziehen: Eine Projektförderung mittels BGZ läuft maximal über 3 Jahre, die Maximalsumme, die man dafür beantragen kann, beträgt 70.000€ und das macht 23.333€ im Jahr. Damit können Sie schwerlich eine Vollzeit-Stelle inkl. Sozialabgaben finanzieren, dazu dann noch Aufwendungen für z. B. Lebensmittel und Töpfe abdecken, Raummiete bezahlen und entspannt die Welt vor langfristigen Fehlleistungen der zu sehr bundesweit und zu wenig europaweit gedachten Migrations- und Geflüchtetenpolitik retten. Insbesondere dann, kann dies nicht reichen, wenn in einem Land mit immerhin mehr als 83 Millionen Einwohnern nur max. 250 solcher Projekte im Jahr gleichzeitig gefördert werden, also der Bund für BGZ-Projekte im Jahr ca. 6 Millionen aufwendet, während er für den Fahrdienst der Bundestagsabgeordneten auch gerne mal 15 Millionen Euro ausgibt und z.B. 2025 über einen Gesamthaushalt von 2,26 Billionen Euro verfügte. Und wir erinnern uns, eine Billionen, das sind 1000 Milliarden. Am Ende hat man da doch den Eindruck, dass man sich um Krümel streitet, während der Kuchen ganz wo anders auf dem Tisch steht.
Und schon sind wir wieder zurück beim zweiten Thema: Aktuell werden wir ja von den absurdesten Zahlen hin und her getrieben und jeder stellt seine Vergleiche, ganz nach Belieben, um seine Horde in die entsprechende Richtung zu treiben. Rechts vergleicht man die bundesweiten Ausgaben für gelungene Migration mit den Brandenburg-weiten Ausgaben für mehr Hausärzte. Links vergleicht man die Aufwendungen für Familie und Gesundheit 2018 mit den Aufwendungen für’s Millitär 2024 usf. Der Wähler gleicht dem Zuschauer eines Tennisspiels, der zu müde geworden ist, den Bällen hinterher zu schauen und sich statt dessen erschöpft auf eine Seite setzt.
Und ja, Sie sehen, auch ich mache munter mit beim Zahlen-Aufpoppen-Lassen und beeindruckende Vergleiche finden, solang man mich nicht durch klare, seriöse, gut strukturierte, niederigschwellige Tabellen mit guter Suchmaske und KI bremst. Quellen zu meiner Zahlen-Jonglage aber immerhin hier unten am Ende des Textes.
Das Gute – um hier wieder auf den ersten Punkt zu kommen – und der ist wichtig, da können Sie konkret mitmachen – das Gute beim gemeinsamen Kochen bei „Taste of Barnim“ ist u. A. dass Sie niemanden kennen müssen, um dort gut anzukommen. Sie brauchen keine Beziehungen, keinen Ruf, kein solides Einkommen, keine besonderen Fähigkeiten, kein gutes Aussehen, kein bestimmtes Alter, keine Behinderung, keine Kinder, kein spezielles Bildungsniveau, keinen Parteiausweis und keine Religion, um mit anderen zusammen gut zu kochen und zu essen. Sie müssen die Welt nicht verstehen und auch nicht rechnen können. Das einzige, was sie tatsächlich brauchen, ist den Mut zur vorurteilsfreien Begegnung. Der ist wichtig.
Denn immer wieder wird ja die Frage aufgeworfen, wieso Menschen, die doch eigentlich kaum einen Geflüchteten oder Migranten persönlich kennen oder gar ein Haus oder eine Wohnung mit diesen teilen, so besonders schlecht auf diese zu sprechen sind. Die Frage ist hier oft zugleich die Antwort: Nicht „obwohl“, sondern gerade „weil“ sie keine eigenen Erfahrung mit Menschen aus anderen Ländern, die über den rein touristischen Besuch hinausgingen, haben, sind sie dafür anfällig, schlechte Nachrede und plumpe Schuldzuweisung einfach nachzuplappern.
Schuld und Schulden gibt es auf der Welt viel zu viel, niemand will sie haben und traditionell lagert man sie daher am besten auf diejenigen, die sich am wenigsten wehren können und jagt sie aus dem Dorf. Jeder, der sich von seinem Chef gedemütigt oder selbst unfähig fühlt, darf da dann auch nochmal nachtreten, froh, nicht selbst der olle Bock zu sein. Das ist die Sündenbock-Theorie. Das aktuelle Wahlverhalten in Deutschland ist eher eine Art Sündenbock-Praxis gemischt mit „zurück zum Alten und zum starken Mann“, die Geflüchtete und Migranten, Grüne, Umweltschützer und von engen Geschlechterrollen emanzipierte Menschen besonders schwer trifft. Also quasi alle, die sich dafür einsetzten, dass sie selbst und andere auch morgen noch frei sind und gut durch atmen können.
Gesellschaft braucht Vertrauen. Ohne Vertrauen in Technik, Ihre Mitmenschen und überregional stabile Verhältnisse steigen Sie in kein Flugzeug. Vertrauen ist jedoch nicht selbstverständlich und einfach da, sondern braucht gute Erfahrungen. Das weiß jedes Kind.
Damit wieder zum Thema 2: Seriös erstellte Tabellen mit verlässlichen Zahlen, die jedem Bürger einen geordneten und direkten Vergleich über Gesamteinnahmen und -ausgaben des Bundes, der Länder, des Kreises und der Gemeinden nach Jahren geordnet erlauben – dann noch statt Wahlwerbung ein Flyer mit der zugehörigen Website in jeden Briefkasten – wäre ein nützliches, innovatives Instrument, das unseren Wahlentscheidungen mehr Fundament gäbe.
Also nur zu, liebe Regierung, nehmt das doch mal endlich in Angriff. Ziert Euch nicht. Den Aufstand, den Ihr vermeiden wollt, habt Ihr schon und er wälzt sich ungerecht durch die Köpfe und über die Köpfe derjenigen hinweg, die vorher wie nachher nicht viel und noch weniger zu sagen haben werden. Das Wort „reich“ kommt übrigens von „dumm“. Es ist doch wirklich erbärmlich, sich eine Uhr für 120.000€ kaufen zu müssen, um zu zeigen was man hat, während andere verhungern.
Der Verein Palanca e.V, welcher das zwei-wöchentliche gemeinsame Essen in Eberswalde organisiert, muss 2026 jedenfalls mit geringeren Mittel arbeiten als zuvor. Ursächlich waren bekannte Fehler bei der Umstellung des analogen auf ein digitales Antragssystem. Es sind hier nun allein zwischen 10.000€ und 20.000€ die 2026 fehlen und so Stellen engagierter Mitarbeiter gefährden. Palanca macht trotzdem weiter.
Denn der Mensch ist nicht Opfer von Völkerwanderungen sondern seiner Art nach Ergebnis von Völkerwanderungen. Was sie auslöst, ist nebensächlich. In der Hauptsache geht es darum, dass wir uns verständigen und konstruktiv zusammen arbeiten können, wenn wir es wollen und uns dabei nicht von Hetze, Hass und bloßem Egoismus ablenken lassen.
Die Idee, Menschen über das gemeinsame Essen und Trinken zusammen zu bringen ist dabei nicht neu. Auch Ken Loach greift Sie 2023 für seinen Film „The Old Oak“ auf: In einem nach der Grubenschließung fast verlassenen nord-englischem Ort werden syrische Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht. Der Wirt des unwirtschaftlich gewordenen Pubs „The Old Oak“ nun öffnet seine Räumlichkeiten für die gemeinsame Essenszubereitung und Mahlzeiten. Er bringt Menschen an einen Tisch, die, ob einheimisch, ob fremd, unterprivilegiert sind und sich als Gemeinschaft neu erfinden müssen. Abgrenzung und Verleumdung sind fehl am Platz, wo man sich gegenseitig helfen kann.
Seit 2025 ist Palanca e.V. mit „Taste of Barnim“ offizieller „Satellit“ bei „Über den Tellerrand e.V.“ Der Anfang dieser Organisation liegt 2013 am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Dort protestierten geflüchtete Menschen in einem Camp gegen Asylbestimmungen, Abschiebungen sowie gegen ihre Wohn- und Lebensbedingungen. (Der Hase liegt hier wirklich nicht erst seit Kurzem im Pfeffer.) Mit Campingkochern und Zutaten gingen vier Studierende ins Protestcamp und begannen, gemeinsam mit den Campierenden zu kochen und zu essen. Aus diesen ersten Begegnungen entstanden Gespräche, Vertrauen und gegenseitiges Kennenlernen. Schon 2014 gründete sich hieraus der gemeinnützige Verein. „Über den Tellerrand e.V.“ In mehr als 10 Jahren ist daraus nun ein bundesweit aktives Projekt mit über 40 Standorten entstanden.
Die Idee, die an diesen Orten umgesetzt wird, ist einfach: Durch gemeinsames Kochen und Essen Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen Lebensrealitäten und Erfahrungen. Und das gelingt. Davon brauchen wir mehr.
Denn da wir uns eine Welt teilen, ist es nicht besonders sinnvoll, in geteilten Welten zu leben. Ich hoffe also, das Projekt geht weiter. Mir tut es gut und macht mir Mut, offener zu werden.
Hut ab vor nachhaltig guter Laune und Engagement bei Palanca e.V. und Danke für das ausführliche Gespräch mit den dort Verantwortlichen.
Mit keinem der Mitglieder der genannten Vereine bin ich verwandt, verschwägert, befreundet oder von diesen kofinanziert.
Veranstaltungsdaten:
Veranstalter: Palanca: https://palanca-eberswalde.de/kochprojekt-taste-of-barnim/
Wann: Jeden 2ten Dienstag, je nach dem 17/18 – 21/21:30 Uhr
Wo: Café Gustav, Am Markt 2d, 16225 Eberswalde
BBZ Amadeo Antonio Stiftung, Puschkinstraße 13, 16225 Eberswalde
und andere
Quellen:
Palanca e.V.: https://palanca-eberswalde.de/kochprojekt-taste-of-barnim/
Über den Tellerrand e.V: https://ueberdentellerrand.org
Bundesprogramm „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ – Projektförderung, die Perspektiven schafft – BGZ: https://bgz-vorort.de/
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – BAMF: https://www.bamf.de/DE/Startseite/startseite_node.html
Gesamtüberblick über Projekte, die mittels des BAMF gefördert werden: https://www.bamf.de/DE/Themen/Integration/TraegerLehrFachkraefte/TraegerProjektfoerderung/traeger-projektfoerderung-node.html
Aufwendungen von mehr als 15 Millionen für Fahrdienst Bundestagsabgeordnete: https://www.focus.de/politik/15-3-millionen-euro-fahrdienst-fuer-bundestagsabgeordnete-wird-um-millionen-teurer_e1516c29-4af4-4158-ac6b-8d395067dcb3.html und https://www.steuerzahler.de/aktuelles/detail/chauffeurdienst-fuer-15-mio-euro/
Zahlen zum öffentlichen Gesamthaushalt der BRD (Bund,Länder, Gemeinden, Soozialversicherung) im Jahr 2024: https://www.destatis.de/DE/Themen/Staat/Oeffentliche-Finanzen/Ausgaben-Einnahmen/_inhalt.html
