Von Uwe Rada — zu PEACES SO FAR — interaktive Konzertperformance über die Oder —
Es gibt für diesen Abend keine Gebrauchsanleitung. Es gibt ja noch nicht einmal einen Begriff dafür, was die Besucherinnen und Besucher von „Peaces so far“ erwartet. Interaktive Konzertperformance nennt das Kollektiv „FrauVonDa“ sein neuestes Projekt. Angeblich schließt es an an „OderHive“, eine Installation, die immerhin noch einen Untertitel hatte, einer, der ahnen ließ, was einen erwartet: „Ein Fluss zum Anfassen, Hören und Fühlen“.
Doch „Peaces so far“ ist keine Collage aus Soundscapes, Gesang, Videoinstallation. Es ist viel verstörender. Allein schon der Raum ist schwer zu lesen. Keine Bühne, in der Mitte eine Insel für das Publikum. Schuhe soll man ausziehen, wenn man sich auf die Kissen legen möchte. Um die Insel herum ein Stuhlkreis für die, die nicht sofort eintauchen wollen. Die Akteurinnen und Akteure im Außenkreis. Sind es Musiker? Klangkünstler? Im Rücken agieren sie, unsichtbar.
Claudia Van Hasselt steht vor einem Aquarium. Lässt ihr Hydrophone eintauchen. Das Aquarium als Metapher für einen von Menschenhand auf Maß gebrachten Fluss. Aber ist es wirklich die Oder? Was hat die Oder mit dem Kachowka-Staudamm zu tun, von dem bald schon die Rede sein wird? Der hat doch, bis er von den Russen gesprengt wurde, das Wasser am Dnipro gestaut, der Lebensader der Ukraine?
Claudia Van Hasselt erhebt die Stimme. Der Sopran der Künstlerin, die mit Nicolas Wiese „Peaces so far“ inszeniert hat, wirkt fast vertraut, wenn er über die sphärischen Klänge klettert, die vorher durch den Raum wandern. Doch was singt sie mit ihrer Sopranstimme? Im Foyer der Zwingli-Kirche in Berlin Friedrichshain, wo „Peaces so far“ im April Premiere hatte, wurden vier eng bedruckte Textseiten im DIN-A-4 Format verteilt. „THE ONGOING EXPLOSION“ steht hinter Part I. Ein Text des polnischen Künstlers Łukasz Jastrubczak. Er endet mit den Worten: „At the beginning of the universe, there was no ‘environment’. Plasma was everything, there was no space outside it, so no explosion was possible it was the plasma space itself that began to expand.“
Vielleicht war das die glückliche Zeit, die Zeit vor den Explosionen. Denn nun wollen sie nicht mehr aufhören. Ununterbrochen muss sie der Fluss über sich ergehen lassen. Die Einschläge von Raketen, Marschflugkörpern, Bomben. Rauch steigt auf aus der Mitte des Raums. Plötzlich eine Stimme. Ganz langsam spricht sie, leise, auf Englisch.
Es ist die Stimme von Oleksandra Shumilova. Die Biologin arbeitet als Postdoktorandin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Ihr Forschungsgebiet ist die Biologie der Fische. Doch was ist mit den Fischen, wenn ein Fluss zum Kriegsschauplatz wird?
Im vergangenen Jahr hat Shumilova in der Zeitschrift Science eine Studie zu den ökologischen Folgen des Dammbruchs am Kachowka-Staudamm veröffentlicht. Sie hat gezeigt, dass die toxische Kontamination der freigelegten Sedimente des ehemaligen Stausees eine bisher übersehene Langzeitgefahr darstellt. Nicht nur Kriegsschauplatz ist der Dnipro, er wurde auch zum Opfer eines Ökozids.
Je länger Shumilova spricht, umso mehr ändert sich der Charakter von „Peaces so far“. Aus der Konzertperformance wird ein „Science Talk“. Und „Peaces so far“, der Titel des Projekts, wird plötzlich zur Chiffre dafür, dass der ferne Frieden, in dem wir leben, nicht nur die Menschen in Mitleidenschaft zieht, sondern auch ihre Lebensadern, die Flüsse.
„Es war eine seltsame Linie, diese Grenze. Sie lief durch Feld und Wald, schnitt durch Dörfer, ja, mitten durch Gehöfte. Es kam vor, daß auf einem Bauernhofe das Pferd aus der polnischen Krippe fraß, während es mit dem Schwanze die deutschen Fliegen abwehrte, das Huhn in Deutschland gackerte, daß es in Polen ein Ei gelegt habe.“
An der Oder sind wir nun wieder, oder genauer am Gleiwitz-Kanal in Oberschlesien, wo nach dem Ersten Weltkrieg die Grenze zwischen Deutschland und Polen verlief. Eine Zickzack-Grenze, die den Alltag der Menschen durchschnitt. Nicht nur in Kriegszeiten ist der Friede weit entfernt, sondern auch nach dem Krieg. Und ist nach dem Krieg nicht auch vor dem Krieg? Oder vor dem Fischsterben? Denn das Salz, das die Katastrophe im August 2022 auslöste, kam aus dem Gleiwitz-Kanal.
Plötzlich der nächste Move. Nicht mehr um Ökozide geht es nun im Science-Talk, sondern um Schwarmverhalten. Wer zum Beispiel gibt in einem Heringsschwarm die Richtung vor? Und was passiert, wenn einer ausschert? Kommt es zur Kollision? Oder muss es dazu gar nicht kommen, weil keiner ausschert, weder bei den Fischen, noch bei den Menschen?
Je länger das Gespräch dauert, desto existentieller wird es. Aber es ist kein gelehriges Gespräch, auch kein launiges, kein podcasttaugliches Format. Wer auch immer etwas zu sagen hat, sagt es unter den Bedingungen der „ongoing explosions“.
Fast fühlt man sich im Publikum nun wie unter Wasser, wie im Aquarium. Nicht nur der Fluss ist unter Beschuss, auch wir sind es. Peaces so far: Vielleicht die letzte Möglichkeit zu sagen, was noch zu sagen ist.
Die nächste Aufführung von „Peaces so far“ findet am 26. Juni um 19.30 Uhr auf Gut Sonnenburg bei Bad Freienwalde statt.
PEACES SO FAR – Eine interaktive Konzertperformance über die Oder als Grenzfluss, Erinnerungsraum und Möglichkeitsort.
von: FrauVonDa
Auftragskompositionen: Wojtek Blecharz, Magdaléna Manderlová und Michal Kindernay
Künstlerische Leitung: Claudia van Hasselt und Nicolas Wiese.
Mit: Daniel Eichholz, Roland Fidezius, Schneider TM, Łukasz Jastrubczak, Peter van Huffel, Rudi Fischerlehner.
Wissenschaftler:innen: Hanna Schudy, Karol Chwastek, Oleksandra Shumilova, Natalie Klinard, Jiří Neminář, David Bierbach, Simon Teune, Jessica Bathe-Peters, Aneta Kuberska, Michał Dzióbek. Historische Zeitzeugen in Katowice: Stanisław Płatek, Antoni Gierlotka
