Das mit dem Geld…

Von Jonathan Stern — Über die Spontanzeugung von Leben, äh Geld —

Das mit dem Geld ist ja so ähnlich wie mit der Spontanzeugung von Leben. Lange dachte man, Leben könne – so Gott es wolle – spontan aus dem Nichts entstehen, solang nämlich glaubte man dies, bis man die Mikroben in Wasser und Luft selbst sehen konnte.

Die technische Innovation des Mikroskops hat so unser Weltbild verändert – oder beschädigt – oder in einen schönen Gleichklang gebracht: Omne vivum ex vivo. Alles Leben kommt aus dem Leben.

In der Saga vom Geld jedoch lebt die Idee der spontanen Selbstzeugung weiter. Es ist ganz einfach: Du gibst mir 100€, eine Woche später muss ich Dir 110€ zurückgeben, zwei Wochen später 120€ und so fort.

Aus dem Nichts, dem puren Mangel vielmehr, der negativen Existenz, ja der Schuld sogar, ist Geld entstanden. Nicht Gold, doch immerhin Geld also toppt jeden christlichen und sonstigen Schöpfungsmythos ganz profan innerhalb unseres Wirtschaftssystems.

Kein Wunder also, dass die weltliche Macht die religiöse locker vom Platz verdrängt. Oder eben doch ein Wunder? Magie? Lassen wir die Frage offen und bemerken nur:

Daher wohl, also um diese Überhand nehmende Macht der weltlichen Geldmagie zu begrenzen, fordert z.B. das christliche Gebet stets: „Drum vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Denn die wachsende Schuld, der fortgesetzte Mangel, seine Verstätigung, die Anhäufung negativer Existenz, dies Soll kann doch wohl ein Haben nur auf der Seite Satans sein. Von wem denn sonst!

Ungeklärt mithin bleiben die Fragen: Hat Satan seine Hörner vom antiken Gott Pan oder doch eher vom römischen Faunus? Was aber hat ausgerechnet der Gott des Waldes und der Musik mit Geld zu tun? War Dante betrunken als er die Göttliche Komödie schrieb? Ist dieser seltsame Satan – i. S. einer Art „Stiftung Warentest“ – Diener oder doch ein echter Konkurrent Gottes? Gibt es beide, doch nur einen oder keinen von beiden – und vielleicht am Ende doch nur die Gier samt einem etwas irrwitzigen Glauben ans Geld?

Lassen wir das. Probleme löst man nicht theoretisch, sondern praktisch: Du gibst mir 100€ – und gut, nächste Woche muss ich Dir 110€ geben. Ich also gebe Deine 100€ einfach jemandem, der sie noch dringender braucht als ich. Der muss mir dann in drei Tagen eben 120€ zurückgeben. Ich kann meine Schuld an Dich zurückzahlen und habe doch 10€ Gewinn gemacht! Das ist doch super, damit bin ich zufrieden.

Atheismus hin oder her. Auf die spontane Selbstzeugung des Geldes aus der Schuld ist immer noch Verlass. Omnis divitia ex culpa. Klingt nicht ganz so schön, aber geht auch. Denn wen interessiert schon das Kleingedruckte, wenn er in Not ist, wie viele Zahlen in der Luft hängen oder unter welchem Hütchen die Münze ist?

Ebenso, wie sich Geld magisch selbst vermehrt, wenn man es „gut anlegt“, kann es aber eben auch ganz ins Nichts wieder verschwinden. Ja, wir leben in modernen Zeiten: Programme kaufen oder verkaufen gleichzeitig Tausende von Aktien. Das erzeugt eine starke Nachfrage oder ein Überangebot, was den Preis der jeweiligen Aktie oder Anlage nach oben oder unten treibt.

Spezielle Programme lesen blitzschnell Finanznachrichten oder soziale Medien aus. Erkennen sie positive oder negative Schlagworte, leiten sie sofort Kauf- oder Verkaufsorders ein, bevor ein Mensch überhaupt reagiert hat. Dieser Hochfrequenzhandel – HFT – basiert auf Computern, die oft direkt neben den Servern der Börsen stehen und zwar, um Millisekunden zu sparen. HFT nutzt kleinste Preisunterschiede zwischen Millisekunden zwischen verschiedenen Handelsplätzen aus.

Wenn aber viele Programme gleichzeitig auf dieselben Signale reagieren, können Kurse stark schwanken – diese Kursschwankungen einer Anlage bezeichnet man als Volatilität – von lat. volatilis – fliegend flüchtig – und misst an ihr die Stabilität und Sicherheit einer an der Börse geführten Anlage.

Diese ist unter HFT folglich allgemein gesunken.

Aber nicht nur das, auch Börsen-Algorithmus-Programme sind nicht perfekt – kleine Fehler im Code oder Datenstrom können zu extremen unvorhergesehenen Kursstürzen führen, bei denen Milliardenwerte in wenigen Minuten verschwinden – und solch ein plötzlicher Kursabfall bei dem auch mal innerhalb von 36 Minuten Billionen weg sind – wie furchtbar – heißt dann Flash Crash.

Doch Gut, nehmen wir an, wir haben einen Flash-Crash – sei’s wegen Programmfehlern, automatisierten Massenzugriff auf Aktien, Hackerangriff, Kreditkraft falsch einstufender Hypotheken – oder einem Stromausfall. Ist nun auch die Ernte weg? Die Fabrik? Hat sich der Arbeiter und seine Arbeitskraft in Lebenszeit in Luft aufgelöst? Will niemand mehr Brötchen kaufen? Hält die Plastikhülle des Handys plötzlich weniger lang?

Bang! Ein Knalleffekt, Rauch und Nebel versperren dem erschrockenen Zuschauer die Sicht. Dunkelheit – und dann, auf der Bühne, etwas ängstlich von rechts und dann wieder nach links hoppelnd: Ein weißes Kaninchen und ein Zylinder mit doppeltem Boden. Das ist die Börse? Das ist das Geld? Eine Art Aberglaube?

Quellen:

HFT – High-frequency-trading: https://de.wikipedia.org/wiki/Hochfrequenzhandel

KI und Algorithmischer Handel: https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=6143508

Volatilität: https://de.wikipedia.org/wiki/Volatilit%C3%A4t

Flash-Crash: https://de.wikipedia.org/wiki/Flash_Crash

Billionenverlust in 36 Minuten, 2010 an der US-Börse: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mysterioeser-kurssturz-im-mai-einzelner-haendler-loeste-wall-street-crash-aus-a-720838.html

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