Ein Flussmensch – Die Oder ein Schatz – ein Gespräch mit Uwe Rada

Von Katja Kettner – Im Alten Rathaus Oderberg eröffnet die „Botschaft der Oder“ – eine Ausstellung. Der Botschafter Uwe Rada begrüßt Bersucher*innen jedes Wochenende im Juni.

Samstag 11.30 Uhr in Oderberg, ich bin mit dem Botschafter der Oder zu einem Gespräch verabredet. Denn seit dem 6. Juni gibt es in Oderberg für 4 Wochenenden eine Botschaft: In dem seiner Funktion seit Jahren enthobenen Rathaus der Stadt haben die Initiatoren der Rathaus-Spiele nur wenige Meter von ihrem alten Flusslauf entfernt die „Botschaft der Oder“ eröffnet. Und wie es sich für eine richtige Botschaft gehört, gibt es natürlich auch einen Botschafter: Uwe Rada. Er ist gerade im Gespräch, denn an diesem sonnigen Vormittag sitzen bei meiner Ankunft bereits Menschen im Kreis auf dem Marktplatz vorm Rathaus und sprechen über die Oder, die Endmoräne und über ihre Wandlungen über zigtausende von Jahren. Ich selbst gehe also erstmal in die Ausstellung und mir fällt direkt ein Zitat ins Auge.

„Sollte es sich plötzlich erweisen, dass Staatsgrenzen entgegen allen Erwartungen beweglich und Fremdsprachen problemlos erlernbar sind, (…) falls wir also aufgrund irgendeiner Verwirrung völlig unsere Orientierung verlieren sollten, dann rate ich jedem, sich auf den eigenen Fluss zu besinnen.“ Olga Tokarcuk

Foto: Katja Kettner

Die Oder: Ein Subjekt – heißt es da auf der einen Seite, auf der gegenüberliegenden finden sich Zitate von Friedrich von Preußen, aber auch Eichendorf, an dieser Wand steht – Die Oder: Ein Objekt. Dazwischen ein Tisch mit einem Telefon, mit wem kann man hier in Verbindung treten? Und so befinde ich mich bereits mittendrin in einer Fülle von Fragen, die von der Ausstellung angeregt, durch meinen Kopf schwirren.

Den Botschafter, Uwe Rada, vielen bekannt als Autor zahlreicher Bücher so u.a. „Morgenland Brandenburg: Zukunft zwischen Spree und Oder“ und „Siehdichum: Annäherungen an eine brandenburgische Landschaft“ aber auch Büchern über die Spree, die Memel, die Adria und natürlich über die Oder, treffe ich später im zweiten Ausstellungsraum – wieder im Gespräch mit Gästen. Sie stehen inmitten des Hauses auf einem schmalen Steg. Unter ihnen fließt Wasser Richtung Oder, ja, mitten im Haus bohrt sich eine Oderquelle ihren Weg durch den Altbau.

Ein Kahn liegt am Boden inmitten des Wassers, hinten läuft ein Film, in ihm sieht man gerade die „Flussschwestern“ (polnisch: Siostry Rzeki), eine Initiative der polnischen Künstlerin und Umweltaktivistin Cecylia Malik. Seitlich hängt ein Gemälde von Chodowiecki „Herzog Leopold von Braunschweig geht seinem Tod in der Oder entgegen“, gegenüber eine Fotografie von Enrico Schefter: „Fische sterben durch Menschenhand“. Auf dem einen Bild also stirbt ein Mensch in der Oder, auf dem anderen stirbt die Oder durch die Menschen. Farn wächst aus brandenburgischem Sand.

Ich frage Uwe Rada wie er zum Fluss gekommen ist und er erzählt von der Zeit nach dem Mauerfall und seinem Interesse, sich in Richtung Osten zu orientieren. Er erinnert, dass viele dachten, seine damalige Wahlheimat Berlin würde sich nun wie London und Paris entwickeln. Denen habe er die entgegengehalten, in 80 Kilometern sei die polnische Grenze, Berlin werde eine osteuropäische Stadt. In Folge schrieb er ein Buch über das deutsch-polnische Grenzgebiet.

Diesen Perspektiv-Wechsel verfolgte er weiter: „So ist mir zum ersten Mal die Oder aufgefallen als ein Fluss, der immer wieder reduziert wurde auf diese Funktion als Grenze“. Mit dem Fahrrad fuhr er von der Quelle bis zur Mündung. „Das war für mich eine Art Initiationserlebnis zu sehen, wenn man über Flüsse schreibt, kann man ganz andere Geschichten erzählen.“ Dabei entstanden ist sein in Oderberg wohl bekanntestes Buch „Die Oder – Lebenslauf eines Flusses“.

Dieser Lebenslauf, ist keine Erzählung aus der Perspektive von Staaten, Hauptstädten oder Regionen, sondern „Du erzählst die Geschichte der Länder, durch die die Flüsse fließen, aus der Perspektive ihrer Peripherie. Das ist ein ganz anderer Blick. Und damit verhilfst du auch dem Fluss selbst zu einer anderen Rolle. Denn du schaust nicht irgendwie von der einen oder von der anderen Seite auf ihn und siehst dann nur die Grenze, also das Hindernis, das er bildet, sondern du bist quasi in Gedanken auf dem Fluss unterwegs und schaust auf die Räume, die er bildet, rechts und links zu seinen Ufern.“ Da ist er, der Botschafter.

Schon bald mäandern meine Fragen und seine Erzählungen zwischen politischen, wirtschaftlichen, historischen, kulturellen und umweltpolitischen Aspekten. So stehen der Wunsch nach Naturerleben mit allzu oft touristisch-poetischer Romantisierung, neben wirtschaftliche Interessen, wie der Frage nach Schiffbarkeit und dem Ausbau der Oder. Diese wieder stehen im Kontrast zu den Anliegen der Naturparkinitiativen und den Fragen des Landschafts- und Umweltschutzes.

So unterschiedlich wie die einzelnen Perspektiven, ist auch der Blick auf den Fluss, erzählt er. Es ist spannend, diesem wissend nachdenklichen, flussliebenden Botschafter zuzuhören. Aus all den unterschiedlichen Perspektiven und den aus ihnen erwachsenden Herausforderungen klingt sich immer wieder die Frage: Wer erhebt für den Fluss seine Stimme und aus welcher Perspektive? Es ist eine Bewegung zwischen Objektivierung und Subjektivierung des Flusses, in der Vergangenheit als auch in den aktuellen Debatten, um die Zukunft des Flusses.

Unserem Umgang mit dem Fluss lag bisher ein patriarchaler Grundgedanke zugrunde, diese Bändigung der Natur, sich die Oder nutzbar zu machen, schuften zu lassen, sie zu ökonomisierund ist eine patriarchale Tradition. Allein schon zu Denken, dass wir wissen, was für den Fluss gut ist, sei eine Objektivierung, führt er aus.

Dabei gibt es weltweit auch Beispiele, Natur als Rechtssubjekt mit Eigenrechten auszustatten. „Das ist in Deutschland eine sehr junge Diskussion, woanders weniger“ und Rada berichtet von Initiativen in Polen, die es bereits bis zum Parlament nach Warschau geschafft haben und jetzt in den Ausschüssen diskutiert werden. In Ecuador und Spanien gibt es bereits Erfolgsgeschichten.

Doch zurück zum Botschafter und zur Stimme des Flusses. Uwe Rada sagt „Über 200 Jahre oder noch länger ist immer nur über die Oder geredet worden. Wir müssen aber auch mit ihr reden und wir müssen zuhören, was sie uns zu sagen hat.“

Dann reden wir über Kunst und die Möglichkeit mit künstlerischen Mitteln eine breite Öffentlichkeit für die Belange des Flusses herzustellen. „Ich bin Teil einer sozialen Plastik. Ich setze mich sich seit 25 Jahre mit der Oder auseinander und stehe hier Rede und Antwort. Ich versuche auch Antworten auf die Frage zu finden, was sagt die Oder?“

Noch gibt es keinen Google Translator, der uns die Stimme des Flusses und seine Bewohner*innen übersetzen könnte und so vertritt der „Flussmensch“ Uwe Rada als Botschafter der Oder ihre Anliegen.

Wer es genauer wissen möchte, sollte selbst ein Gespräch mit dem Botschafter anzetteln. Dazu gibt es noch an den nächsten zwei Wochenenden Gelegenheit.

Zum Abschluss unseres langen und doch viel zu kurzen Gesprächs bitte ich den oder-Botschaft dann doch, uns eine Botschaft mitzugeben und er sagt:

„Besinnt Euch auf Euren Fluss. Stellt Fragen. Wenn Ihr manchmal darüber nachdenkt, was hat er uns zu sagen, und ihr hört es nicht, schaut einfach in den Spiegel oder blickt ins Wasser. Dann seht Ihr euch, der Fluss hält Euch den Spiegel vor. Ihr seid nicht unbeteiligt. Ihr könnt ihn in Ruhe lassen. Ihr könnt auch mit ihm leben.“

Die Botschaft der Oder
Altes Rathaus Oderberg, Angermünder Sraße 65, 16248 Oderberg
Geöffnet alle Juniwochenenden:  Fr 16:00-20:00  | Sa 11:00-20:00 (außer 20.6.’26) | So 12:00-16:00. Parallel öffnet das temporäre Café „Mon Chéri“ auf dem Marktplatz.
Botschafter und Kurator: Uwe Rada, Co-Kuration & Design: Paula Bogati und Chris Hartschuh. Im Rahmen der Rathaus-Spiele 2026 in künstlerischer Leitung von Paula Bogati und Heiko Michels. Weiterführend: rathaus-spiele.de/botschaft-der-oder

Weiterführende Tipps:

Besucht das Binnenschifffahrtsmuseum in Oderberg & das Oderbruchmuseum in Altranft

Die Rathaus-Spiele bieten alle Juniwochenenden 2026 Talks, Theater, Konzerte am Platz – Uwe Rada selbst lädt Oderakteure zum Gespräch. Auswahl (volles Programm unter rathaus-spiele.de):

19.6. | 17:30 Gespräch, Essen Trinken, Musik
ÜBER DIE ODER ALS SCHUTZGEBIET UND RECHTSPERSON Dirk Treichel (Direktor des Nationalparks Unteres Odertal) im Gespräch mit Uwe Rada. Im Anschluss: ZU TISCH. Eine Tafel lädt zum gemeinsamen Essen und Trinken, jeder bringt mit, teilt. Eine Stadtzeitung erscheint. Akustik-Musik mit Indie-Bluegrass-Quintett „Dog an Pony“.

27.6. | 19:00 Erzählung/ Tanz/ Theater
EISRANDLAGE – Ritt durch 15000 Jahre in 45 Minuten (Uraufführung).  Choreografie Liz Erber. Anschließend Konzert: NINO SANDOWs SCHLAGERABEND (Premiere)

28.6. | 11:00 Gespräch
ÜBER DIE LITERATUR DER ODER UND DES GRENZLANDES. Marta Bąkiewicz (polnische Autorin und Forscherin zur Oderliteratur) im Gespräch mit Uwe Rada.

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