Spalten oder gestalten

von Thomas Uhlmann — Hafenfest in Stolzenhagen — erstes Jahresfest des mit Bundemitteln geförderten 5-Jahres-Programms Land.GESTALTEN

Wenn das mal gut geht! Alle sollen mitmachen beim Dorffest, nein Hafenfest, nein, beim Jahresfest des Förderprogramms LandGestalten, das seit Monaten in aller Munde ist. Jaja, ich hab’s begriffen. Das ist ein Wortspiel. Land gestalten, also das Land, unser Land gestalten und Landgestalten, also ländliche Gestalten. Diese Gestalten zahlen die Zeche, also das Dorffest von Stolzenhagen, das nun auch ihr Jahresfest ist. LandGestalten ist Teil des Bundesprogramms AllerLand. Jetzt hat auch jeder begriffen, dass es um den ländlichen Raum geht, wie es im Förderdeutsch heißt.

Wenn das mal gut geht: Alle Akteure unseres kleinen ländlichen Raumes sollen am Vortag um 14 Uhr, zum Hafen in Stolzenhagen kommen. Um letzte Hand anzulegen. Aber nix da. Es schüttet aus Kübeln, Blitze zerreißen die Luft. Abwarten … es wird 16 Uhr.

Das Gewitter zieht weiter. Und dann einer dieser magischen Momente: die Landschaft sauber geputzt, die Farben leuchten, der weite Blick geht über die Schiffe im Hafen und die frisch gewaschenen Polder bis zum Stolper Turm in der Ferne.

Es geht los, wie von Zauberhand! Alle kommen. Abordnungen vom Schützenverein, der Feuerwehr, des Gemeinderates und weiterer lokaler Institutionen wie der Perspektive Oderberg. Natürlich Vertreter des sogenannten Gutes, einer vielköpfigen Genossenschaft von Zugezogenen aus allen Teilen der Welt und Berlin. Dazu lobenswerte Initiativen und engagierte Individuen aus dem Umkreis. Sogar Seifenhersteller und Plattsprecher aus dem benachbarten Lunow. Ich frage mich: wie kriegt man und Frau so eine diverse Truppe unter einen Hut?

Der freundliche Abgesandte der Ponderosa weiß wie: „Erstaunlich gut. Alle machen mit – alle machen ihr Ding. Unfrieden hat es nur gegeben, wenn jemand etwas von oben durchsetzen wollte oder wenn Besserwisser übernehmen wollten.“

Der Herr vom Tanzprojekt auf dem schon genannten Gut kennt die Dynamik auf dem Dorf: „Wenn etwas zu lange dauert, verschwinden alle. Oder kommen erst gar nicht. Unser Motto ist: einfach machen! Guck dich um, das bewährt sich doch gerade.“

Und wirklich: kernige Kerle hantieren mit Gabelstaplern, meterhohen Zeltstangen und Akkuschraubern, andere verteilen Blumengestecke auf den Bierbänken. Wie im Zeitraffer wächst das Festgelände aus dem Boden. Bar, Zelte, Dancefloor, Buden … vieles selbstgemacht. Zum Beispiel die Cocktailbar und ein stylisches Sitzmöbel am Ufer des Kanals. Eine Bank, auf der man sich auf jeder Seite lümmeln kann.

© Thomas Uhlmann

Eine einheimische Abgeordnete des Gemeinderats freut sich: „Schon jetzt ist die Rundum-Bank unser Lieblingsplatz. Chillen, den Abend genießen. Herrlich!“ Doch die konservative Fraktion im Ortsbeirat  empört sich: „Das sieht ja aus wie in Berlin.“ Damit sind eventuell die Strandbars am Reichstag gemeint. Unsere Informantin glaubt, der Gemeinderat hat ganz andere Befürchtungen: „Da sitzen dann nur Touristen und müllen die Gegend zu.“ Der Herr mit dem Akkuschrauber kriegt die Deichsel des Ausschankwagens nicht hochgeklappt und meint: „Die meisten Alteingesessene sind ganz umgänglich, aber grundsätzlich gegen Veränderung. Vor Neuen haben viele schlichtweg Angst.“ Na, mal sehen, ob die Bank oder die Angst stärker ist.

Die Damen vom Dorfverein setzen sich beim Aufstellen der Sitzgelegenheiten durch „Natürlich mit Blick in die Polderlandschaft!“ Strenge Worte finden sie für den Abgesandten des Schützenvereins, der eine Bogenschußanlage aufbaut. Die Damen haben Angst, dass die Buden getroffen werden: „Da sind doch Menschen drin.“ Die Frauen behalten recht. Aber nun sind Schafe in der Schußbahn.

„Hauptsache, es gibt nicht nur Bier und Bratwurst,“ so eine der zugezogegen Akteurinnen, „dafür haben wir morgen ungarische Langos auf dem Teller und im Programm sogar zeitgenössischen Tanz. Und Rikscha- und Kanurennen, Zauberei, Paddelboote, Silent Disco, Seifenblasen …“ Ich freue mich schon auf morgen.

Eine Landgestalt fasst das Förderprogramm zusammen: „Es vernetzt Brotbackkultur und Dorffeste, Schmiedekunst, Vereinsleben und Experimentalkultur. Es will in viel weiterem Sinne die Kultur des ländlichen Zusammenlebens, Beteiligung und demokratischen Zusammenhalt stärken. Wir möchten erreichen, dass Menschen zusammenkommen, die sonst nebeneinander leben – in einer Zeit, wo sich Lebensweisen auf dem Land dramatisch ändern.“ Wichtig zu wissen: Die Förderungen sind Bundesmittel die der Kultur zusätzlich zu den kleinen Kulturetats in den nächsten 5 Jahren zur Verfügung stehen.

Den Stolzenhagener Vereinen und Einzelkämpfern, den Eingeborenen und Zugezogenen, den wilden Tänzern und den Mauerblümchen ist das alles Bratwurst. Sie machen einfach. Und morgen kann auch gerne die eine oder andere Husche kommen. Dann huscht man halt mit der Braut ins Zelt. Die Braut ist ein leckeres Bier aus der angrenzenden Uckermark.

Das Fest am nächsten Tag war schön. Die Schafe waren weg. Es hat natürlich geregnet und zwischendurch war Sonnenschein. Man konnte Tretboot fahren, tanzen und Softeis essen. Alle waren froh.

Thomas Uhlmann (macht Filme und im Juni 2026 die Redaktion der Oderberger Tribüne, leitet das Netzwerk Oderartig und lebt in Stolpe an der Oder)

Entdecke mehr von KULTURSCHREIBER*INNEN

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen