von Heiko Michels — bilinguales Theaterstück auf der Oder — Flucht, Vertreibung, Umsiedlung —
Das deutsch-polnische Theaterstück „Jan & Martha“ spielt Mitte der 1940er Jahre in den Wirren der Umsiedlungen östlich der Oder. Ab 6. Juli tourt es auf einem Theaterboot auf dem Grenzfluss.
In Polen hatte das Stück schon im Juni Premiere, und es gab ein Vorab-Gastspiel auf dem „Festland“ im Schloss Trebnitz in Brandenburg, das ich besuchen konnte. Keine Angst vor fehlenden Polnischkenntnissen: Die polnischen Parts des bilingualen Stücks werden durch einen Erzähler übersetzt, der mit Witz ins Spiel eingreift. Die deutsche Version feiert am 6. Juli in Eisenhüttenstatt Premiere und tourt dann flussabwärts.
In einem Sommertheater, noch dazu auf einem Boot, erwartet man Shakespeares Sturm oder eine Hans-Albers-Revue. Tobias Lenel und sein Team servieren andere Kost: In der klaustrophobischen Kulisse eines Kartoffelkellers unter Deck gerät das Publikum unmittelbar in die Spannungen eines der sensibelsten Momente der deutsch-polnischen Geschichte: der Zeit von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung im heutigen Westpolen. Und da ein Theaterboot an diesen heißen Sommertagen doch verlockend ist, kommen Menschen mit diesen Geschichten in Berührung, die das Thema an Land vielleicht nicht unbedingt wählen würden.
Der deutschen Kartoffelbäuerin Martha (Paula König) ist Jan (Paweł Niczewski), ein polnischer Zwangsarbeiter, zugewiesen. Der SS-Mann, der um Martha buhlt, will Jan wegen einer Lappalie hängen, doch Martha schützt ihn – sie könne die Kartoffeln nicht allein einbringen, ihr Mann ist an der Ostfront verschollen, und die Wehrmacht braucht nun einmal Kartoffeln. Wir erleben, wie sich schüchtern ein Vertrauen aufbaut zwischen der schlagfertigen Bäuerin und dem zunächst verunsichert wirkenden Jan. Doch dann erkrankt Martha, und jetzt ist es Jan, der sich um sie kümmert. Die hustende Frau auf der Matratzengruft kämpft, zum Greifen nah für die Zuschauer, ums Überleben, während sich die politische Karte wendet. Und Jan entwickelt jetzt Schlagfertigkeit. Thomas Gerber als russischer Soldat findet die wehrlose Frau im Bett. Im engen Raum spürt das Publikum seine wodkagetränkte Lust durch alle Poren. In diesem kurzen Moment bringt Gerber die Situation mit nur wenigen Gesten zum Glühen: ein Blick, ein Griff zum Gürtel … eine Vergewaltigung muss nicht einmal angespielt werden, denn uns schießen die Geschichten über Schändungen in den männerlosen Brandenburger und Schlesischen Höfen 1945 sofort in den Kopf. Jan, im polnischen Singsang, rettet die Situation: „Typhus“ … und schnell ist der Russe über alle Berge.

Später kommt ein eingespieltes Interview von Überlebenden dieser Zeit, spricht über die Selbstmorde von Frauen und Kindern als Gnadenflucht vor den Vergewaltigungen und reißt uns kurz aus der Stringenz des Stücks in die dokumentarische Realität. Das Stück ist aus Interviews entstanden, die vor zehn Jahren zum Thema in der Region geführt wurden. Viele Schicksalsschläge dieser Flucht- und Umsiedlungsphase sind in der Story komprimiert. Und wenn einem die Typen manchmal ein wenig stereotyp erscheinen, kann dies ein Regietrick sein, dass man sich nicht in Charakteren verliert, sondern die Stories greift, die sich im Zwischenland oft ähnlich abgespielt haben. Jan bringt Martha polnisch bei, sie singen Kinderlieder und nebenbei lernt das Publikum ein wenig die Sprache des Nachbarlandes mit.
Als dann aber die polnische Partisanin Oliwia auf der Suche nach Jan, den sie einst versteckt hat, ins Haus kommt, ist die Völkerverständigung dahin. Das schlechte Polnisch nimmt sie Martha nicht ab, sie entdeckt die Deutsche, und in einem atemberaubenden Monolog gegen die Deutschen federt sich all die Wut in den Raum, die sich im gedemütigten polnischen Volk und seiner Freiheitskämpfer aufgestaut hat. Man möchte jedes Wort bejahen und ist gleichzeitig voller Mitleid für die kranke Martha – ein tragischer Höhepunkt. Dieser Ausbruch, den Maria Dąbrowska mit Tränen in den Augen nicht nur der Figur, sondern auch dem Publikum vor die Füße wirft, macht kurz sprachlos.
Wir erleben die neu wachsende Bürokratie, wenn polnische Beamte die Häuser für die Umsiedlung der nach Westen verschobenen Nation neu verteilen und ein Schachern um die „Häuser der anderen“ beginnt. Martha, Jan und Oliwia können zunächst bleiben, aber als dann Marthas Mann doch noch aus dem Krieg zurückkehrt, ist die bilinguale WG mit allen Ressentiments und Realspannungen perfekt. Kurz scheint es, dass sich eine Liebe anbahnt zwischen Jan und Martha, wie zwischen dem deutschen Ostfrontkämpfer und der polnischen Partisanin. Doch dieses Happy End schenkt uns das Stück nicht, die Szene outet sich als surrealer Traum.
Das Schwitzbad zwischen hautnahem realistischen Theater, wie man es von Thomas Ostermeiers Berliner Baracke der Neunziger kennt und den dokumentarischen und Erzähler-Momenten schafft es, dass das Publikum sich nicht im Einzelschicksal von Jan und Martha wegträumt, sondern immer wieder auf eine Reflexionsebene und auf die größeren Zusammenhänge geworfen wird. Das passiert noch einmal besonders am Ende: In einem Zeitsprung landen wir in den frühen neunziger Jahren, Martha mit Mann kommt aus Westdeutschland in das polnische Dorf ihrer ehemals deutschen Heimat. In Altdamen-Pink gekleidet trifft sie auf das gealterte Pärchen Jan und Oliwia. Und: Sie haben sich einfach nichts zu sagen. Das Stück lässt sein Publikum mit diesem Gefühl der Entfremdung zurück. Das ist stark, mutig und wirkt wie eine Aufforderung, das letzte Kapitel selbst zu schreiben. Die Utopie einer neuen Nachbarschaft könnte sich bei anschließenden Gesprächen an Bord des Theaterbootes an den Juliabenden auf der Oder einlösen – mit dem Applaus werden Pellkartoffeln für alle serviert.
Schauspiel: Paula König (Martha), Paweł Niczewski (Jan), Miron Jagniewski (Frantek , Filip , Bürgermeister), Thomas Gerber (Otto, Heinrich, sowjetischer Soldat), Maria Dąbrowska (Oliwia, Stadtbeamtin), Gottfried Breitfuß (deutscher Erzähler), Mateusz Wiśniewski (polnischer Erzähler). Regie: Tobias Lenel, Bühnenbild: Birgit Angele
Nächste Aufführungen:
Eisenhüttenstadt — 06.07.26
Frankfurt (Oder) — 07.07.26
Lebus — 08.07.26
Kienitz — 09.07.26
Groß Neuendorf — 09.07.26
Zollbrücke — 10.07.26
Kuhbrücke/Bleyen — 12.07.26
Kostrzyn — 12.07.26
Webseite des Projekts: www.janmartha.com
Das Projekt wurde mit INTERREG-Mitteln realisiert.
Transparenzhinweis: Ich habe mit dem Regisseur wie mit einigen Schauspielern schon zusammengearbeitet, habe aber trotzdem versucht, mein Theatererlebnis neutral festzuhalten.

