von Heiko Michels — Festival der freien darstellenden Künste Eberswalde — Auftaktparcours —
Bevor das ZUKUNFT JETZT! FESTIVAL im Rofinpark diesen Samstag den 4.7. 2026 ganztägig für Groß und Klein seinen Höhepunkt mit zahlreichen Aufführungen, Theater, Tanz, Performance, mit Aktionen zum Mitmachen, Ausstellungen und offenen Tafeln erreicht, durfte man am Mittwoch die Entstehung miterleben.
Wir treffen uns um 19:30 in einem Innenhof, ein durchmischtes Publikum: Jung und Alt, von diverser Couleur und von nah und fern angereist – dabei Vertreter der Stadt und des Landes. Dieses Festival, das nach Wegen in die Zukunft fragt, soll die drängenden „Transformationen erlebbar machen“, sagt der Leiter des Kulturabteilung des Landesministeriums Reiner Walesa, während wir zu den Vorreden in einiger Entfernung schon einen rankenden Körper in kaum erklärbaren Verformungen sehen.
Der Zug setzt sich in Bewegung, wir kommen dem Wesen näher: „ReWilding“ nennt die US-stämmige Wahl-Oderbergerin Liz Erber ihren langsamen Performance-Tanz. Mehrstündig ohne Pausen setzt sie sich der inneren Wildnis des eigen Körpers aus. Allein auf weiter Steinfläche sehen wir sie auf einer Insel aus hingeworfenem Erd-Humus, mal auf zwei Händen, mal auf einem Bein, der Körper nie menschlich, nichts zentriert: ein Gewusel in Zeitlupe. Mit einiger Ehrfurcht erahnt man die Kraftanstrengungen dahinter. Erdverschmiert, in hautfarben- spärlicher Bekleidung setzt Erber sich den Blicken aus, die hier ganz konkret verkörperte Transformationskraft miterleben dürfen – dabei hält sie selbst ihr Gesicht stets abgewandt.

Zwei Conférenciers, junge Akteure des Kanaltheaters, führen uns weiter in die Ausstellung „Halt“. Wo kann man besser durch Installationen und Skulpturen erfragen, was uns weiterträgt und was uns aufhält, als in einem stillgelegten Lokschuppen? Die Conférenciers, in spacigen Kostümen als Reisende aus der Zukunft inszeniert, geben mit viel Witz Kontext zu den Werken von vier Künstlerinnen. Sie steuern unsere Blicke mit dem Staunen von Aliens über menschliches Schaffen. Eine zweite Ausstellung, eine Videoinstallation von Oscar Loeser in der riesigen Lichtbogenhalle, fragt: „Wie sähe ein Kino für Insekten aus?“ Auf breiter Schirmfront erleben wir röntgenhaft abstrahiert Romanzen, Rivalitäten und Choreografien der Krabbeltiere, die den Humus unserer Erde bilden.

Dann stoßen wir mitten in die Open-Air-Probe des berüchtigten P14-Jugendtheaters der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie bearbeiten Büchners Drama „Leonce und Lena“. Mit der radikal-jungen Sicht einer Post-Greta-Generation erleben wir, wie die Aktivistin Lena ihre revolutionäre Kraft im Strudel aus Streams verliert. Auf einer Dating-Plattform findet sie Leonce – mit wenig Interesse. Beliebigkeit und Langeweile, die Büchners Drama in der Biedermeierzeit auf die Spitze treibt, spiegelt hier heutiges Lebensgefühl. Beeindruckend ist die chorische Kraft, mit der das Ensemble, uns auf Fahrrädern umrundend, spricht und agiert. Mit offenem Mund ahnt man: Hier sind einige große Talente von Morgen am Werk.

An Liz Erber vorbei, die weiter ihre Wildnis sucht, kommen wir ins „Randalysium“. Albrecht Fersch hat einen ganzen Raum zum Percussionswald umgestaltet: Holzgestelle bestückt mit Töpfen, Blechen, Eimern, Bottichen, Radfelgen usw. Das Publikum stürmt wie eine Kinderhorde den Raum, greift zu den bereitgestellten Schlägeln. Selbst die Offiziellen dreschen herzlich drauflos. Kakophone Katharsis pur. Am Wochenende bietet Ferch hier Workshops an, da kann der Sound filigraner entwickelt werden.

Nun betreten wir die enorme Arbeitshalle des Künstlers Adam Reed. Reed baut „Spielplätze für Interaktionen“, vornehmend für Erwachsene. An der riesigen Decke hängen metergroße Augen aus Papier, an den Wänden zahlreiche Ganzkörperkostüme mit Trollmasken. Im Zentrum an der Tastatur steht Philosoph Michael Fischer. Er hat „Delphi“ programmiert, eine Zukunftsmaschine. Auf Zukunftsfragen antwortet Delphi in Schriftprojektion. „Was wäre, wenn Kulturförderung gesetzlich verpflichtend würde?“ ruft die Eberswalder Kulturamtsleiterin Nicole Sachse-Handke. Die Antwort? Wir verraten nicht alles, besuchen Sie Delphi selbst!
Zum Abschluss gibt es einen Ausklang mit der Kanal-Theater-Band in der Kati-Hausbrauerei. Am Rand ist Erber in einem gewaltigen Blumenkübel weiter am Wildnis performen, während die restlichen Künstler zum Austausch kommen.
Heike Scharpf und Katja Kettner haben ein eindrückliches Programm kuratiert, gerade weil ihre Zukunften nicht pur technokratisch oder „futuristisch“ sind. Sie beziehen das Pflanzliche und Vegetative mit ein, das Boden alles Lebens ist, und sie stellen dessen Urkräfte und Transformationspotenziale auf den Sockel. Dieses Gegengift für aktuelle dystopische Zukunftsstimmungen passt perfekt zur „Stadt für nachhaltige Entwicklung“ Eberswalde.
4. Juli, 14 bis 24 Uhr: Zukunft Jetzt! Festival für alle & Familien-Samstag. Rofinpark, Coppistraße 3, Eberswalde. Eintritt frei, Spenden erlaubt. Neben dem Beschriebenen mit Kindertheater, Flashmobs, Insektenzirkus, Poetryslam, gemeinsamen Kochen mit Palanca e.V., Funkband, Tanz mit Pflanzen, diversen Workshops und Feuershow. http://www.kanaltheater.de
Transparenzhinweis: Mit zwei Mitwirkenden bin ich kollegial wie freundschaftlich verbunden.
