von Carmen Winter – Lesung aus nachgelassenen Texten von Werner Stötzer – Schul- und Bethaus Altlangsow
Die Stühle im Schul- und Bethaus Altlangsow reichten nicht aus für das Publikum, das am Abend des 8. Juli gekommen war, um nachgelassene Texte von Werner Stötzer zu hören. Es wurden weitere Sitzgelegenheiten hereingetragen, manch einer musste mit einem Platz auf einer Bierbank vorliebnehmen. Das schöne Wetter war vermutlich nur ein Grund für den Ausflug in das Oderbruchdorf, in dem der Bildhauer Werner Stötzer von 1980 bis zu seinem Tod 2010 lebte. Texte von ihm zu hören, war sicher der ausschlaggebende. Dass sie von dem Schauspieler Michael Kind gelesen und von der Bassistin Berit Jung begleitet wurden, ließ den Abend zu einem künstlerisch außergewöhnlichen Ereignis werden.
Gleich nach den ersten Sätzen nahm Berit Jung den Sprachrhythmus, wie Stötzer ihn vorgab und Michael Kind ihn adäquat las, musikalisch auf. Sie zupfte, strich und klopfte ihren Bass. Immer zurückhaltend, aber dem Text Lebendigkeit verleihend. Sie schrieb den Text so tiefer ins Gefühl ein, als bloße Worte es könnten. Kind las mit Respekt dem Text gegenüber. Genau so musste Stötzer das, was er schrieb, gemeint haben.
Es war ein Vergnügen, den beiden zuzuhören. Vom ersten bis zum letzten Satz und Ton.
Die Entstehungszeit der Texte reichte von 1980er Jahren bis in die 2000er. Teilweise schrieb Stötzer tagbuchartig, teilweise in Miniaturen und anekdotenhaften Geschichten.
Die Begegnung mit Brecht thematisierte er und die Art, wie er von seinem Lehrer Gustav Seitz zur Arbeit aufgefordert wurde. Auf die Frage nach dem Entstehungsprozess einer Zeichnung erzählt Stötzer von der erfolglosen Suche nach Tabak im Atelier und dem Finden eines Blattes guten Papieres. Der Kopf hat daraufhin eine Idee, aber die Hand gehorcht nicht. Er suchte weiter, fand Tabak und einen Schluck Bier und die Hand wurde folgsam.

Dann setzte er sich mit Goethes Wunsch nach dem Originaleindruck auseinander, den man als Kind hat und als Erwachsener schwer wieder erreicht. Schwenkte hinüber zur eigenen Kindheit in Thüringen, um auf die Arbeit am Relief für das Marx-Engel-Forum in Berlin (1985-86) zu kommen. Hier ist der Stein der Gegner des Künstlers und in der Arbeit müssen sie Freunde werden. Passend dazu der Text über den Boxer Henry Maske und die Fiktion, in der Stötzer sich selbst als Boxer sah: „Meine Kämpfe kann ich nicht gewinnen.“, schreibt er. Herrlich auch die Miniatur, in der ein Architekt sich auf einen Londoner Bahnhof setzt und dort auf einen Mord wartet, der laut Statistik geschehen sollte, aber nicht geschieht. So ist das mit den Erwartungen und der Wirklichkeit. Schön zu hören war auch, wie Stötzer seinen Freund Hans Vent ehrt. Gegen Ende dann das Geständnis: „Ich mag den Marmor mehr als das Geschriebene. Marmor ist älter als alles, was geschrieben wurde.“
Nach dem letzten Satz hob Michael Kind den Blick, tauchte gleichsam auf aus den Tiefen der Texte und die Musik verebbte. Der Moment der Stille vor dem Applaus vereinte alles und alle.
Die Lesung fand im Rahmen von „Stelldichein – Oderbruch lesen“, Festival der Kulturerbe-Orte vom 13. Mai bis zum 15. Juli 2026 statt. Organisiert wurde es vom Oderbruch-Museum Altranft, gemeinsam mit den Kulturerbe-Orten, die sich zur kommunalen Arbeitsgemeinschaft Kulturerbe Oderbruch zusammengeschlossen haben.

