von Uwe Rada — Postkartenaktion: Botschaften an die Oder — Rada aus seiner Zeit als Botschafter —
„Die Oder ist der beste Fluss der Welt.“ Zu hymnisch? Dann vielleicht eher poetisch? „Über der Oder, über der Oder, mit zwei Sternen so spiegelt die Flut. Der eine bleibt traurig alleine, der andere – versinkt in der Flut.“
Natürlich ist diese Sammlung von Botschaften an die Oder nicht repräsentativ. Nichtssagend sie allerdings auch nicht. 65 Menschen haben während der vier Wochenenden, an denen die „Botschaft der Oder“ bei den Rathaus-Spielen in Oderberg geöffnet hatte, eine Botschaft an ihren Fluss verfasst. In der Summe bilden dieser Botschaften eine vielstimmige und meist zärtliche Liebeserklärung an die Oder.
23 der Botschaften richten sich unmittelbar an die Oder selbst. Sie beginnen mit „Liebe Oder, …“, „Du, Oder…“ oder mit einer direkten Anrede wie „Bleib frisch...“. Sie enthalten Wünsche, wie man sie an liebgewonnene Freundinnen und Freunde richtet, wenn es darum geht, einen runden Geburtstag zu feiern. Wünsche aber auch, in denen etwas Sorge mitschwingt. Denn der Oder, das wissen die meisten, die sie ansprechen, geht es nicht so gut. Sie muss deshalb unterstützt werden.
Natürlich stellt sich die Frage, ob die Oder in diesem Fall überhaupt die richtige Ansprechpartnerin ist. Müssten sich die Botschaften nicht eher an jene richten, die ihr ein ums andere Mal zusetzen, ihr übel mitspielen, ihr das Wasser abgraben, ihre Fische sterben lassen?
Doch an die Umweltminister, an die Wasserbehörden, an die Bergbaubetriebe in Oberschlesien richtet sich keine einzige der Postkarten, die in der Botschaft der Oder abgegeben wurden. Das ist erstaunlich und doch auch wieder nicht. Vielleicht spiegelt sich darin auch ein Schulterzucken, das Wissen darum, dass von dieser Seite ohnehin keine Hilfe zu erwarten ist? Dass sich die Oder nur selbst helfen kann. Und natürlich unsere Unterstützung braucht? „Teile uns Deine Bedürfnisse mit, damit wir dich hören und achten können!“
Berührend, wie viel Empathie in vielen Botschaften steckt. „Gut, dass es dich gibt! Bleib wie du bist!“ In Wünschen wie diesen wird nicht nur spürbar, dass es die Oder selbst ist, die sich befreien muss, dass sie nicht warten kann, bis ihr jemand unter die Arme greift. Es gibt auch eine große Gelassenheit, dass sie all das schaffen wird, dass sich ihre Natur nicht unterkriegen lässt. „Du findest deinen Weg, da bin ich mir sicher!“.
Botschaft als Lernprozess
Als ich gefragt wurde, ob ich bei den Rathaus-Spielen eine Botschaft der Oder eröffnen wolle, habe ich an diese Postkarten und ihre identitätsstiftenden Botschaften. Zunächst stand die Arbeit an der Ausstellung im Mittelpunkt. Im „Quellenraum“ sollte die Botschaft des Flusses ganz unmittelbar zu hören und zu sehen sein. Durch Soundscapes, aufgenommen mit einem Unterwassermikrofon zum Beispiel. Oder auf Videos, unter anderem von den polnischen „Flussschwestern“, Tanzperformances von Liz Erber, von „Save Oder“ oder des Netzwerks „Osoba Odra“, das sich für die Anerkennung der Oder als juristische Person einsetzt.

Im zweiten Raum, dem „Botschaftsraum“, sollte die Literatur zu ihrem Recht kommen. Die Literatur der Oder, von der immer wieder behauptet wurde, es gebe sie gar nicht. Zitate aus Texten über die Oder wurden an zwei sich gegenüberliegende Wände gehängt. Schwarz auf weiß und demonstrativ gerahmt wurde auf der einen Seite die jahrhundertelange Tradition sichtbar, den Fluss zu bändigen, ihn für den Menschen in Dienst zu stellen. Die Oder sollte „zur Beförderung des Comercii“ „recht navigabel“ gemacht werden. So formulierte es Friedrich II.
Dieser Tradition der „Oder als Objekt“ steht in der Literatur die „Oder als Subjekt“ gegenüber. Es ist die Oder, die sich nicht an Grenzen hält, die ihr Flussleben lebt, sich an eigene Gesetze hält als die der Menschen, manchmal sogar an „Fischgesetze“. Weibliche Stimmen sind es vor allem, die der Oder dieses Eigenleben zugestehen, ihr oft sogar eine eigene Stimme verleihen zu scheinen.
Und dann waren da noch die Talks, zu denen ich, der „Botschafter“, an den vier Wochenenden Gäste nach Oderberg eingeladen habe. Alle Themen sollten zur Sprache kommen, die Wahrnehmung der Oder in Deutschland, Polen und Tschechien, die „Traumata“ von Oderberg, das Ringen um den Nationalpark, die Literatur an der Oder.
Und dann kam doch so manches anders als geplant. Es waren vor allem die Postkarten mit dem Stempel der Botschaft, mit denen ich mit den Menschen auf dem Marktplatz ins Gespräch kam. Wollen Sie die einmalige Gelegenheit nutzen, eine Botschaft an die Oder loszuwerden, lautete meine Frage an Passanten, ans Publikum der Konzerte, den Genussmenschen bei der Weinprobe, auch an die, die bei den Talks dabei waren. Und – fast – alle wollten.

Was für eine Wendung. Was für ein Lernprozess auch für mich. Ein dritter Raum der Botschaft der Oder ist mit den Postkarten entstanden. Ein offener Raum, einer, der sich auf den Marktplatz ausweitete, auch ein Raum zum Nachdenken, denn nicht wenige nahmen sich Zeit, setzen sich mit Postkarte und Stift in eine Ecke und überlegten, was sie der Oder wirklich schreiben sollten. Welcher Respekt wurde da der Oder entgegengebracht. Kein schnelles Statement, kein dahingekritzeltes Smiley. Die Oder, dass weiß man wohl zu schätzen, ist nicht auf TikTok.
Bald war da auch der Gedanke entstanden, all die Postkarten beim großen Finale am letzten Wochenende im Juni auszustellen.
Die Oder als gemeinsamer Nenner
Auffällig ist, dass die Oder in einigen der Botschaften, die an sie gerichtet sind, nicht nur als Handelnde, als Eigensinnige, auch als Wilde wahrgenommen wird, sondern auch als weibliches Subjekt. „Du bist ein großartiger Fluss mit aktiven Nixen.“ Und manchmal wird sie sogar zur Gespielin. „Du, meine Geliebte, räkelst dich träge & sinnlich in deinem Bett, grün schillernd und leicht ergraut fließt du davon.“
Dann wiederum gibt es Botschaften, die über Bande gespielt werden. Nicht die Oder steht in ihnen im Mittelpunkt, sondern Oderberg, das Städtchen, das zwischen Berg und Fluss gezwängt schon bessere Tage gesehen hat. „Wir kennen den Marktplatz noch als einen Ort, wo ich als Schüler aus der Quelle Wasser getrunken habe.“ Oder: „Oderberg ist für mich ein wunderschönes Städtchen. Es müsste nur ein wenig gepflegt sein. Der Anziehungspunkt ist die Oder.“
Auch vor Provokationen machen die einen oder anderen nicht halt. „Liebe Oder! Mögen gescheite, offene und visionäre Siedler kommen und die Region erhalten!!!“ Oder: „Noch viele Jahre ohne eingriff von Grünen!“

Dass die Oder eine Grenze bildet, ja sogar lange auf diese Funktion als Staatsgrenze reduziert wurde, spielt kaum mehr eine Rolle. „Ein Rebhuhn flog von einem Ufer zum anderen Ufer der Oder. Für dieses Rebhuhn war die Oder grenzenlos.“
Und dann ist da noch die Jahrtausende Jahre alte Metapher vom Fluss als Symbol des Lebens, vom Kommen und Gehen also, aber auch vom Wissen um die eigene Vergänglichkeit, von der tröstlichen Zuversicht auch, dass der Fluss bleiben wird, selbst wenn man als Mensch schon nicht mehr da ist. „Gerne ließe ich mich treiben mit dir bis zur Mündung, und ich frage mich, ob die Tropfen abperlen von meiner Haut, irgendwann einmal wieder hier vorbeitreiben und ich dann nicht mehr bin.“
Es gibt viele Meinungen in Oderberg. Auch kontroverse. Braucht man einen Bäcker oder Kunst? Was sagen die oben in der Siedlung, was die unten in der Stadt? Haben sie überhaupt etwas gemeinsam außer dem Netto? Was sagen die Berlinerinnen und Berliner? Warum verfallen so viele Häuser? War früher vielleicht alles besser?
Viele dieser Meinungsverschiedenheiten führen zu Streit. Mit der Oder ist das anders. Die Oder lässt keinen kalt. Auf die Oder kann man zählen in Oderberg. Sie ist es, die die Menschen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, verbindet. Sie ist die Heldin, die Geliebte, die Natur, der alle eine Botschaft schicken wollen.

Ausstellung kann wandern
Wunderbar war es zu sehen, wie all die Botschaften dann zum Finale an der Blumeninstallation hingen, die Chris Bogati-Hartschuh aus alten Paletten zusammengezimmert hat. Fast schien es, als wäre aus den Botschaften, die all ihre Verfasserinnen und Verfasser an die Oder gerichtet haben, etwas Neues entstanden, als hätten die Botschaften ein Eigenleben bekommen. Als wäre es die Oder selbst, die da angefangen hat, ihre Stimme zu erheben und sich bemerkbar zu machen. Als würde die Quelle auf dem Marktplatz wieder sprudeln.
Eine vielstimmige und auch vielsprachige Sinfonie ist da entstanden, die bestimmt auch wandern könnte. In andere Orte und Städte am Fluss. „ŻEBY ODRA JEDNOCZYŁA NASZE KRAJE, A NIE DZIELIŁA. NATURA NIE POWINNA MIEĆ GRANIC“. Deutsch, Polnisch, Spanisch, Französisch. „Le fleuve d‘Oderberg regagne de multitude de petite surprises.“
Und zwischen all den Botschaften von der und an die Oder das pralle Leben:
„Ich würd mal gerne ne richtig fette Arschbombe machen!“
Uwe Rada ist Autor des Buches „Die Oder. Lebenslauf eines Flusses“ und war im Juni 2026 Botschafter der Oder bei den Rathaus-Spielen in Oderberg. (Mehr Informationen zur Botschfat unter rathaus-spiele.de/botschaft-der-oder)

