von Carmen Winter — Künstlerinnengruppe Endmoräne im Bahnhof Hangelsberg —
Seit mehr als 30 Jahren ist die Künstlerinnengruppe Endmoräne aktiv. Die Frauen, die im Land Brandenburg und in Berlin zu Hause sind, suchen leerstehende Gebäude und beleben sie im Sommer für einige Woche mit ihrer Kunst. Diese Ausstellungen sind jedes Mal unglaublich vielfältig und anregend. Der verlassene Ort wird lebendig, gibt einen Teil seiner Geschichte preis, wird von den Künstlerinnen befragt und stellt dem Publikum Fragen.
In diesem Jahr war es der 1892 erbaute und seit 2003 leerstehende historische Bahnhof in Hangelsberg an der Bahnstrecke Berlin-Frankfurt (Oder). Ein Gebäude, in dem die Zeit stillsteht, an dem zugleich die Züge mit Reisenden und Waren vorbeirasen.
Am letzten Tag der Ausstellung, dem 12. Juli 2026 blieb es allerdings ungewöhnlich still, denn der Zugverkehr war auf Grund von Bauarbeiten eingestellt. Auf das Klappern der Gläser auf einem Tablett, das eigentlich Teil der Installation „Collateral Vibrations“ von Jana Debrodt war, mussten die Besucher verzichten. Aber es gab so viel zu sehen, dass diese Lücke gar nicht aufgefallen wäre, hätte nicht ein Schild extra darauf hingewiesen.
Höhepunkt an diesem Tag war die Performance „stilles rasen“ von Elke Postler und Janine Schneider. Immer wieder begegneten die Besucherinnen und Besucher den beiden Frauen, die in langen hellen Kleidern schweigend im Zeitlupentempo den Hof und die Räume des Gebäudes bis unters Dach und wieder zurück durchmaßen.
Passend zum Bahnhofsgebäude waren die Zeit und das Reisen die zentralen Themen der Ausstellung. Kerstin Baudis hatte ein großes Glücksrad aufgestellt. „Gewinne Zeit“ hieß ihr Werk „Dreh am Rad!“ Forderte sie auf. Und was gab es zu gewinnen? Wachstum, Stillstand, permanente Unrast, Atemlosigkeit, Just-in-time-Produktion oder eben: Zeit.
Andere Werke nahmen auf, was das Gebäude zu bieten hatte, manchmal mit Humor. Wer sammelt schon Löcher? Annette Munk sind sie im ehemaligen Batterieraum des Bahnhofsgebäudes, in dem früher ein großes Säurebad stand, aufgefallen, die Lüftungslöcher. Zwei Projektionen verbanden sie einerseits mit einer Sammlung von Lochmustern venezianischer Wechselsprechanlagen und andererseits mit Wörtern wie Luftloch oder Loch Ness. Mariel Poppe widmete sich einem Raum, an dessen Tür das rätselhafte Wort „Umformerraum“ stand. Ein Objekt aus grünem Glas und schwarzem Wachs gibt Rätsel auf. Rätselhaft auch die Buchstaben an der Tür: „OSE R.“ Mariel Poppe erinnern sie an das französische Verb „oser“, das so viel wie „sich trauen, etwas wagen“ bedeutet. Mit weiteren spindelförmigen Glas-Objekten verweist sie auf das Wagnis der Transformation und für den Betrachter steht die Frage im Raum, ob dieses Wagnis auch für den alten Bahnhof gelingen kann.
Manchmal waren es Zeichen an den Wänden, die leicht zu übersehen waren, mit denen die Künstlerinnen einem der Räume Leben einhauchten. Schmale reflektierende Streifen klebte Susanne Ahner an die Wände eines dunklen Raumes. Hin und wieder drang Licht durch Ritzen, ein kurzes Aufleuchten wie bei Reisen in der Nacht, zu kurz, um sich orientieren zu können.

Wer schon öfter die Ausstellungen der Künstlerinnengruppe besucht hat, kennt die Gespinste von Antje Scholz, mit denen sie angedeutete Körper, riesige Spinnennetze und luftige Räume in Räumen entstehen lässt. Der Prozess der Herstellung dieser Kunstwerke ist ein langsamer, meditativer. In Hangelsberg lud „Der Sog“ ein, durch ein winziges Loch in den aus Fäden entstandenen Raum zu schauen, der durch eine Tür auf ein kleines, helles Fenster hinführt. “Mich erschöpft die maßlose, immer stärker werdende Geschwindigkeit. Was passiert, wenn man da nicht mitmacht?“, fragte die Künstlerin.
Julia Ziegler hat sich der Graffitis angenommen, die sie am Bahnhof vorfand. Nur aus der Nähe ist zu erkennen, dass die Schriftzüge übermalt wurden, um das Bild der Backsteinmauer wieder herzustellen. Ein heilender Prozess für das alte Gebäude.
Fahrpläne und Schienen inspirierten die Künstlerinnen ebenso wie der Warteraum oder im Gebäude und in der Umgebung vorgefundenes Material. Dorothea Neuman stattete einen Raum mit Objekten wie Koffer, Schreibmaschine, Kursbücher und Telefon aus, die an das Reisen zu früheren Zeiten erinnerten.

Und natürlich thematisierten die Künstlerinnen das ganz in der Nähe befindliche Tesla-Werk. Beeindruckend war „Built On Earth By Us“ von Monika Goetze. Aus langen angekohlten Holzstämmen hatte sie im Freigelände des Bahnhofs eine Art Tipi erbaut. Das Holz stammt aus einem nahe gelegenen Waldbrandgebiet. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf den Schriftzug auf der Arbeitskleidung der Tesla-Arbeiter.
Michaela Nasoetion gestaltete die Bahnhofsfenster, die plötzlich Innen und Außen vertauschen. Wenn man vor dem Bahnhof steht, schaut man durch die Fenster auf das Dachsteingebirge. Ein Sehnsuchtsort, der eigentlich weit entfernt liegt, wird nach Brandenburg geholt. Im Innenraum des Bahnhofs war ein Video von Michaela Nasoetion zu sehen. Eine Mauer, saust am Zugfenster vorbei hin und her, ohne Anfang und ohne Ende. Kommen wir also doch nie an unseren Sehnsuchtsort?
Und dann war da noch die schwarze Plane, aufgestellt zu einem kleinen Zelt mit Hocker Tischchen und Lampe. Gisela Genthner forderte die Besucherinnen und Besucher auf, ihre Gedanken zur Stille in einem Buch festzuhalten, das auf dem Tisch lag. Natürlich blätterte man und las, was die anderen geschrieben hatten. Mit dem Rücken zum Zelteingang sitzend schien man für Augenblicke ganz allein zu sein mit der leeren Seite und dem Stift – angekommen.
Wer mehr über die Künstlerinnengruppe Endmoräne wissen will, die ihren Ursprung auf dem Hof von Erika Stürmer-Alex in Lietzen hat, dem sei ein Blick auf die Website https://endmoraene.de empfohlen. Dort sind die Projekte über all die Jahre dokumentiert, die kreuz und quer durch Brandenburg und bis nach Polen ihre Spuren ziehen. Leider sind die Ausstellungen immer nur temporär. An drei Wochenenden haben sie geöffnet. Dann wird fast alles, was Wochen vorher mühevoll kreiert wurde, wieder abgebaut und die Gebäude warten darauf, ein nächstes Mal aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Oft räumen die Künstlerinnen jede Menge Schutt zur Seite, befreien Räume vom Staub, der sich in Jahrzehnten dort ablagerte, ehe sie beginnen können, an ihrem temporären Kunstwerk zuarbeiten. Was bleibt? Fotos und Erinnerungen in den Köpfen der Besucher und die Neugierde auf das Projekt im nächsten Jahr. Wer den Newsletter bestellt, verpasst es nicht.
Um den Bahnhof in Hangelsberg, der einer der ältesten in Deutschland ist, kümmert sich übrigens der Verein Historischer Bahnhof Hangelsberg e.V. mit Zwischennutzungen wie der durch die Künstlerinnengruppe Endmoräne und mit der Pflege des Grundstücks. Bis zur Sanierung ist es noch ein weiter Weg.
Beteiligte Künstlerinnen 2026: Susanne Ahner, Kerstin Baudis, Ka Bomhardt, Jana Debrodt, Gisela Genthner, Monika Goetz (Gast), Masko Is, Ingrid Kerma, Folke Köbberling (Gast), Ingeborg Lockemann (Gast), Angela Lubic, Annette Munk, Barbara Müller, Michaela Nasoetion, Dorothea Neumann, Patricia Pisani, Susanne Pittroff, Mariel Poppe, Katrin Schmidbauer, Antje Scholz, Julia Ziegler.
Mehr zur Künstlerinnengruppe und den jährlichen Interventionen: endmoraene.de






