Ein Gelände zum Klingen bringen – Resonanzen 2026

Von Katja Kettner – Vögelzwitschern und Caravanloops in der Fülle der Abendsonne

Geschichtsträchtig ist dieses Gelände in Oderberg. Die Kuratoren Liz Erber und Marc Weiser wollen das Areal als Musikinstrument und Tanzpartner in Resonanz bringen. „zwischen Pflanzen und Beton entwickeln sich Klangfelder, die sich ausbreiten und überlagern… Im Tanz werden sie Figur und Bewegung, ermöglichen eine sinnlich-körperliche Wahrnehmung des Raumes.“ So heißt es in der Ankündigung. Ein Minifestival, ein Rundgang über das Gelände von KuNaKu*.

Ich bin gespannt, schon allein die Fahrt nach Oderberg durch die Endmoränenlandschaft fasziniert das Auge, vorbei an Dörfern schlängelt sich der Weg durch Wald und über Hügel, mit Blickdurchbrüchen auf die in der Sonne schillernde Oder.

Angekommen empfangen uns die Naturzeichner*innen aus Eberswalde. Stifte, Pinsel, Tusche, Kreide, Bleistifte. Naturtagebücher wirken beruhigend und erdend. Sie bringen uns dazu unsere Umgebung für den Moment des Zeichens genauer zu beobachten.

Der Resonanzen-Rundgang beginnt auf der Terrasse mit einem weiten Blick ins Odertal. Für einen ersten Moment hören wir einfach nur in die Landschaft. Was umgibt uns? Was sagt mir dieser Raum? Wie können wir Natur behutsam und zaghaft wandeln, fragt Susanne Winter als Forst-Wissenschaftlerin und Leiterin der Verwaltung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin.

In Resonanz gestalten

Früher stand hier eine Traglufthalle, der Boden einst betonversiegelt, auf diesem seit vielen Jahren sich selbst überlassenen, besiedeln Robinien den Platz, sie sind Pionierpflanzen, kommen mit wenig aus. Sie sind invasiv. Also weg damit? Wir können etwas ohne Gedankenresonanz gestalten. Wir könnten aber auch die menschliche Dominanz zurücknehmen. Mensch und Natur, Mensch und Biosphäre könnten miteinander in Resonanz gehen, gestaltende Hände können behutsam wandeln von den Robinien zur Traubeneiche.

Bevor wir uns auf den Weg begeben, hören wir Stichpunkte zur Geschichte dieses Geländes, im Zweiten Weltkrieg eine Sprengmaschinenfabrik im Wald, dieses Gelände, beherbergte die Wohnungen für Angestellte und den Chefchemiker, Luftschutzbereiche und Tauchbecken im Keller, NVA-Tankfahrzeuge, Schmierstoffdienst, Schießstände und überall viel grauer Beton. Dann nach der Wende ein Bauer, dann wieder Leerstand.

Foto: Katja Kettner Foto: Matthias Richter

Der Bauer pflanzte Wein. Oderberg, eine alte Weinstadt, irgendwann mal, schon lange nicht mehr. Der Wein war zu sauer. Ein Astbogen im Wein streicht die Violine. Ein Pizzicato aus Weinlaub erklingend, wer will kann die Trauben kosten.

Doch dann rufen uns fliegende Trompeten, ein Blasinstrument atmet stoßweise, in Bewegung bewegend, pfeift auf dem letzten Ventil, klingt ungewöhnlich tonlos tönend auf der entbetonierten Brache, zwischen Erdhügel und Trampolin treffen sich Tanz und Klang und beginnen ihr Spiel und ziehen die zahlreichen Besucher*innen in die Halle. In der einstigen Industriehalle ist in den letzten Jahren ein Tanzraum entstanden, der Schwingboden kam im Sommer, ein lichtdurchflutetes Kleinod mit viel Platz.

Fotos: Matthias Richter

Hier treffen alle Musiker*innen und Tänzer*innen aufeinander. Instrumente resonieren mit Tänzerinnen, im Moment, im Augenblick fliegen Impulse in den Raum, breiten sich aus, gehen aufeinander ein, folgen oder verfolgen oder laufen ins Leere, ein Einschwingen, einen Anschwung. Die Fenster geöffnet in die Landschaft, die Natur immer im Blick, mit im Spiel, Klangkörper im Raum, sonnendurchflutet. Die Tänzerinnen tauchen durch die Fenster raus in die Landschaft und holen die Landschaft in den Raum. Draußen und drinnen. Auch wir entfließen dem Raum und uns weiter. Ich hätte mir gewünscht mehr Zeit zu bekommen, mehr einzutauchen in die einzelnen künstlerischen Stimmen, die hier zusammengekommen sind, gerade im Zusammenspiel, mehr Muße für die Einzelnen in ihrer Vielheit. Es ist eine Reizüberflutung. Ein Angereichertes, ein kondensiertes Schwingen. Resonanz ist eine zeitgebundene Möglichkeit und öffnet sich manchmal im Moment, manchmal braucht es Zeit. Wirklich? Oder ist dies nur eine Reaktion einer reizüberfluteten Betrachterin und ihrer fast romantischen Vorstellung, dass sich Resonanz mit Ruhe und Kontemplation verbinden ließe?

Auf der Wiese, vor der Halle wieder ein Duett aus Tanz und Klang. Beide Künstler*innen zeitgleich Klang- und Bewegungskörper. Ein Schwingen, Bewegung wird zu Klang, aufeinander Bezug nehmend, spielerisch, ein Vögelzwitschern von Menschen und Vögeln, ein gurgeln, ein lachendes Atmen, das sich für Sekunden nur bedrohlich steigert, ein assoziationsreich fliegendes Spiel, untermalt von einer Kettensäge. Kulturlandschaft in der Menschenhand wirkt, weithin schallend.

Fotos: Katja Kettner

Dann Caravanloops, Außerirdische, Mensch unter Plastik, das Gesicht ein Spiegel, sphärische Elektroklänge einer Mondexpedition gelandet im Grün. Getrocknete Sonnenblumen und Schafgarben werden zu Fundstücken. Ein sich Einhüllen zurück in die Folie, sich selbst ablegend im Unnatürlichen unserer Plastikwelt, Impulse in die Landschaft gebend.

Und dann in der Fülle der Abendsonne, die Frage nach den Kipppunkten, nach der Notwendigkeit mehr Wildnis zuzulassen. Unsere Ökosysteme, stehen unter Druck. Wiederherstellungspläne, die Zeit brauchen, wo nur noch wenig Zeit ist und die doch gemeinsam diskutiert werden müssen. Ihre Umsetzung drängt, sonst setzen wir uns selbst und unsere Ökosysteme aufs Spiel. Die Fragen klingen in die Landschaft, ein Ziehen, ein Verzerren der Stimme des Menschen im Natur-Kultur-Raum entsteht.

Eine Tänzerin verschwindet fast in der Landschaft oder ist es ein Einswerden, im Angesicht der Bäume mit weitem Blick in die Abendsonne und dann der Sprung vom Betonturm oder ein Absturz rein ins Grün, in die Landschaft, in die Natur. Die Gitarre behält die Ruhe, ein sehnender Ton. Ein Grün für alle, die bis hierher gefolgt sind. Und wieder geht es weiter.

Fotos: Katja Kettner

In den Bäumen hängt Harmonie, kratzende Unruhe breitet sich aus, ekstatisch fast, ein Stocken, ein Fallen, ein Zueinanderfinden, ein Klang bewegender Körper, unter Lichterketten schon. Ein Mensch kämpfend mit sich, sich verausgabend fallend, eine Stimme, ein Cello, das sich dazulegt.

Zum Abschluss, ein weiter Blick in den abendlichen Horizont, eine Ruhe, ein Lassen, ein Nachklingen, ein Drehen des Klingens zwischen nächtlichem Wald und einem Rauschen, das an Wind erinnert, das sich mit dem Anblick des Horizonts verbindend uns in eine klingende Stille geleitet. Für einen Moment nichts mehr denken, nichts verstehen oder verrichten müssen, sich einlassen in die Weite der Landschaft, des Himmels und des Klangs, der über das Tal sich ausbreitenden Klanglandschaft. Für einen Moment nur Menschen und Landschaft in einem Bild vereint. Weite, tönende Stille soweit das Auge reicht.

Foto: Matthias Richter

Beteiligte: Anna Nowicka (Tanz), Carina Khorkhordina (Trompete), Caroline Cecilia Tallone (elektroakustische Drehleier), Dudù Kouate (Percussion), Hanno Leichtmann (Elektroakustik), Heiko Michels (Produktionsleitung), Hui-Chun Lin (Cello), Liz Erber (Kuration + Tanz), Lucia Peters (Tanz), Manuel Hülsmann (Bauleiter des KuNaKu-Geländes), Marc Weiser (Kuration + Gesang & Sound), Mido Kawamura (Kostümdesign), Susanne Altvater (Juristin im Umweltbundesamt), Susanne Winter (Forst-Wissenschaftlerin, Leiterin der Verwaltung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin), Yasmin Schönmann (Tanz), Yeri Anarika Sanchez (Tanz)

*KuNaKu – Infos zum Gelände – www.kunaku.org

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