Höllentagebuch Sonnenburg

von Christel Weiler und Werner Gerber — Innenansichten des fünfwöchigen „Himmel und Hölle“-Marathons (11.9.-17.21.26) auf der Sonnenburg — wöchentlich aktualisiert —

Zur Zeit findet auf der Sonnenburg bei Bad Freienwalde „Himmel & Hölle – eine Reise durch die Geschichte“ statt. Die Reihe übers Inferno vom 11.9. bis 17.10. beinhaltet rund 16 Veranstaltungen: Vorträge, Improtheater, Ausstellung, Live-Painting, Psychoanalysen, Kino, Gottesdienst, Workshops, Konzerte, Meditationen. Unser Artikel im Vorfeld „Himmel und Hölle in Brandenburg“ (18.8.) ist zur Zeit der meistgeklickteste auf kulturschreiber*innen. Da sich nicht jeder persönlich und über fünf Wochenenden in die Hölle der Wälder am Oderbruch begeben kann oder traut, geben wir hier dem Gastgeber und Schauspieler Werner Gerber, der Theaterwissenschaftlerin Christel Weiler und weiteren Gästen die Möglichkeit, das Geschehen in einem „Reisetagebuch“ zu spiegeln. (red)

11.9.

Angeregt durch Christel Weiler’s Vortrag zu Höllenbildern aus der Geschichte und der Gegenwart, kommt es zu dem, was diesen Ort Gut Sonnenburg so besonders macht, nämlich zu sehr persönlichen Gesprächen mit Besucher*innen.

Christel Weiler erinnert zunächst an 9/11, den 25. Jahrestag des Infernos in New York, das die westliche Welt in eine völlig neue Zeitrechnung versetzte. Es machte uns bewusst, dass unser Empfinden von Frieden sehr trügerisch ist. Im Prinzip gibt es immer Krieg auf der Welt, aktuell erleben wir ihn allerdings als immer näher kommend.

Die Phantasie einer Hölle mit einem Gottesgericht hat für uns einfache Menschen, die wir uns als machtlos empfinden, durchaus etwas Tröstliches. Am Ende der Lebensreise von zwei Spannen über der Erde zu zwei Spannen drunter, stehen alle Menschen, auch die Tyrannen und Kriegsverbrecher vor der Frage: wie habe ich gelebt? Die Hölle und der Himmel versprechen beides Orte der Gerechtigkeit zu sein. Jede*r bekommt, was er/sie verdient.

Müssen diese dganzen grossen Worte hinterfragt werden? Schon die scharfe Trennung in Gut & Böse ist vielleicht Teil des Problems. Es wird Mephisto aus Goethes Faust zitiert:

Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Ohne diese Reibung haben wir keinen moralischen Kompass, den man für eine Reise eben doch braucht, wenn man die Orientierung nicht verlieren will.

Für den Dialog, das Sprechen, einen Raum zu schaffen, das ist unser Teil, den wir auf der Sonnenburg bewahren wollen in einer so schrecklich gespaltenen Welt. Genia Chef meint, was für Freud die Couch, ist für uns die Sonnenburg. Hier wird gesprochen und, was noch wichtiger ist, ohne ideologische Denkbarrieren zugehört.

Lasst alle Hoffnung fahren

…steht über dem Höllentor bei Dante. Das hört sich schrecklich an, aber man kann es auch lesen als Aufforderung sich hinzugeben an eine umfassende Erfahrung, ohne genau zu wissen, was am Ende dieser Reise steht.

Die Ausstellung Psychedelic Dante mit Bildern von Genia Chef weist durch ihren Titel deutlich darauf hin, dass Höllenbilder der menschlichen Einbildungskraft entsprungen sind. Woher diese wiederum ihre Nahrung erhielt, bleibt im Dunkel. Es mag die Angst vor dem Danach ebenso ausschlaggebend gewesen sein wie die konkrete Erfahrung von Gewalt und Sterben.

Wenn wir in die Antike als einem möglichen Anfang zurück gehen, dann erfahren wir, dass es eine „Hölle“, so wie wir sie uns möglicherweise vorstellen, nicht gegeben hat. Himmel und Hölle der Antike waren sehr irdisch. Die Götter waren auf den Bergen, auf dem Olymp, zuhause – und das Totengericht, der Hades, befand sich unter der Erde. Beide Sphären waren jedoch für die Lebenden nicht zugänglich. Es gab kein „Jenseits“ außerhalb des Planeten. Letzteres ist eine Erfindung des Christentums, bzw. ein religiöses Konstrukt.

In gewisser Weise sind wir heute wieder in einer der antiken Welt ähnlichen Verfassung. Man könnte sogar sagen, dass wir die Vorstellungen von Himmel und Hölle in der Weise radikalisiert haben, dass wir uns von den Göttern und den Totenrichtern befreit haben, indem wir sie in unser eigenes Inneres verlegt haben, so dass Himmel und Hölle auf Erden stattfinden, sozusagen mitten unter uns, mitten in uns selbst.

Wir hoffen, dass uns noch viele Menschen auf unserer Reise  zu „Himmel & Hölle“ begleiten mögen, zu der Christel Weiler und die Gesprächsrunde einen guten Auftakt gemacht haben!

12.9.

Psychedelic Dante nennt Genia Chef seine malerische Auseinandersetzung mit Dantes Commedia. Die Ausstellung mit über 30 Bildern wurde heute mit einer außergewöhnlichen Vernissage des Zyklus eröffnet. Sie war nicht dominiert von Ausführungen von Kunsthistorikern, die immer schnell in Vergessenheit geraten, sondern der Maler führte uns sehr verständlich und beeindruckend in seine intuitive Methode des Malens ein.

Psychodelic Dante © Sonnenburg

Er erzählte, dass ihn bereits seit seiner Kindheit jahrelang die Fantasien Dantes beschäftigt haben. Er befindet sich sozusagen mitten in der Geschichte. Seine riesige Leinwand von 10 x 2 m, die jetzt in der Scheune hängt, hat er in seinem Atelier in Potsdam mit verschiedenen farbigen Flüssigkeiten, mit Tee, Olivenöl, Wein und Acrylfarben vorbereitet. Eine Videodokumentation dieses meditativen Prozesses der Vorbereitung wird in unserer Ausstellung gezeigt.

Es entsteht durch diese Technik zunächst eine Oberflächenstruktur, die die Vorstellungskraft der Betrachter*innen anregt. Für Genia Chef entspricht dies dem Diktum Leonardo da Vincis:

Betrachten Sie eine Wand mit Wasserschäden und Sie entdecken darin Bilder.

Genia Chef nimmt die anwesenden Ausstellungsbesucher mit auf seine Entdeckungsreise und zeigt ihnen in dieser Landschaft welche Figuren aus der ommedia er dort entdeckt. Dabei entsteht ein Dialog mit den Besucher*innen, der Künstler fragt nach deren Entdeckungen, nach dem, was sich ihnen dort zeigt. Genia Chef ist ein Künstler der seinen ganzen Malprozess als einen Dialog mit der Welt versteht. Seine Bilder sind nicht ausgedacht, sondern entstehen in einer Art Wachtraum zwischen dem Unbewussten und dem Vorbewusstsein. Die Wächter der Ratio werden dabei überlistet.

Dadurch passen seine Bilder nicht nur ästhetisch kongenial in unsere neue Eventscheune, die mit dieser Vernissage als weitere Location auf Gut Sonnenburg eingeweiht wurde, nein, auch seine ganze Haltung als Künstler steht für unser Ziel, Dialogräume zu schaffen. Der Künstler wird nun bis zum 17.10. weiter an dem Bild arbeiten und dieses vielleicht im Finale fertigstellen. Alle künftigen Besucher*innen werden dazu eingeladen, an den Wochenenden diesen Prozess zu verfolgen.

Nach der Vernissage geht es ins Gutshaus, wo eine Lesung aus dem Inferno von Dante mit den Projektionen der entsprechenden Bilder stattfand. Dabei mussten Christel Weiler und Werner Gerber für den leider erkrankten Freund Uwe Preuss einspringen. Das Feedback der Zuhörer*innen zeigte uns aber, dass diese von der Darbietung nicht enttäuscht waren. Angeregte Gesprächsrunden im Wohnzimmer der Gesellschaft folgten.

Psychodelic Dante © Sonnenburg

13.9.

Den Tag des offenen Denkmals nehmen wir gerne als Aufforderung: Denk mal!

In drei Vorträgen unter dem LabelMännerphantasien“ wird noch einmal deutlich, in welcher Weise die Geschichte von Sonnenburg und der weiteren Umgebung zwischen Bad Freienwalde und Wriezen auch durch männliche Machtphantasien geprägt wurde und wo ihre Spuren noch sichtbar sind.

Detlef Mallwitz, dessen Ausstellung zu den Plänen Albert Speers und des Bildhauers Arnold Breker in den Räumen von Gut Sonnenburg zu sehen ist, verweist noch einmal auf Speers Umbaupläne des Gutshauses, wovon heute der Kamin in der Bibliothek und Reste eines Bunkers noch Zeugnis ablegen. 1936 zog dann Hitlers Aussenminister Joachim von Ribbentrop dort ein. Breker  wurde im gleichen Jahr zum bedeutendsten deutschen Bildhauer der Nation erklärt. 1940 konnte er auf Gut Jäckelsbruch, das ihm Hitler geschenkt hatte, tätig sein und durch die dort errichtete Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH konnte das ‚deutsche Reich‘ mit Werken seines Namens beliefert werden. Für detaillierte Informationen zu Breker und die von den Nationalsozialisten geplante Künstlerkolonie im Oderbruch sei hier auf die Ausstellung verwiesen und auf ein dazu gehöriges von Detlef Mallwitz verfasstes Buch mit reichem Bildmaterial.

Werner Gerber, der heutige Hausherr von Gut Sonnenburg, verfolgt in seinem Vortrag die Spuren von Joachim von Ribbentrop, die dieser hier zurück gelassen hat. Die Sonnenburg diente ihm als Wohnhaus und als Ort für eine Pferdezucht. Man kann allerdings davon ausgehen, dass nicht unwesentliche politische Entscheidungen der Nationalsozialisten in den Räumen von Gut Sonnenburg gefällt wurden, schließlich befand sich dort im Winter 1944/45 das Büro des Reichsaussenministeriums.
Sowohl der Sohn Ribbentrops Rudolf von Ribbentrop als auch sein Enkel Dominik von Ribbentrop haben beide aus ihrer jeweiligen Perspektive versucht, dem Charakter des Vaters bzw. Großvaters näher zu kommen. Auch Antje Vollmer hat in ihrer Publikation ‚Doppelleben’ dazu beigetragen, Licht in diese Abgründe der deutschen Geschichte zu bringen. Der Hausherr will versuchen durch solche Veranstaltungen immer wieder der Verantwortung gerecht zu werden, die ein solcher historischer Ort bedeutet. Nie wieder ist Jetzt!
Prof. Dr. Claudia Weber betonte in dem Gespräch nach dem Vortrag noch einmal, dass nicht zuletzt das Karriere betonte Verhalten Ribbentrops zu fatalen politischen Entscheidungen in den letzten Kriegsjahren beigetragen hat.

Schliesslich und endlich spricht Dr. Reinhard Schmook in bewundernswerter Klarheit über ein eher amüsantes Kapitel der DDR-Geschichte, in dem das Politbüromitglied Horst Sindermann eine Rolle spielte. Es wurde ruchbar, dass sich Sindermann 1975 gerne auf der Sonnenburg ein Domizil für von dort ausgehende Jagdausflüge geschaffen hätte. Nachdem allerdings die Westmedien davon erfahren hatten, wollte man nicht unbedingt den Eindruck erwecken, Nachfolger eines Nazis auf Gut Sonnenburg zu sein. Allerdings – so im Vortrag zu hören – lassen sich ähnliche Vorlieben für Orte nicht ganz aus der Welt schaffen.

Die Vorträge sind gut besucht – ihnen folgen angeregte Gesprächsrunden.



WIE GEHT ES WEITER?

Am Sonntag den 20.9. folgt eine Gottesdienst mit dem Titel „Selig sind, die da dürstet nach Gerechtigkeit“, Improtheater, Genia Chef malt weiter und zeigt seine Ausstellung und… das gesamte Programm findet sich immer aktuell unter: https://gutsonnenburg.de/aktuelles/

Fortsetzung des Artikels folgt hier... lest ab nächste Woche weiter, was vor und hinter den Kulissen passiert ist.

Gut Sonnenburg & Café Gut Sonnenburg
Sonnenburg 6
16259 Bad Freienwalde (Oder)


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