Die mit der Droge spielen

Dagmar Kamlah zu EVERYTIME von Sandra Wollner / Jetzt in den Kinos

Ein weiteres Sommermärchen ereignet sich dieses Jahr für den deutschsprachigen Film. Wie IN DIE SONNE SCHAUEN 2025 wurde jetzt der gerade in den Kinos laufende EVERYTIME von Sandra Wollner als Beitrag zum Besten internationalen Film für die Oscarverleihung nominiert.

Wie ersterer debütierte der Film erfolgreich in Cannes.

Der Film handelt vom tragischen Tod einer Siebzehnjährigen und wie ihr Freund und ihre Mutter und kleine Schwester das Unglück verarbeiten. Dabei verwendet der Film surreale Elemente.

Als ein formvollendeter Kinogenuss ist EVERYTIME in vieler Hinsicht zu bezeichnen. Mich freuen besonders die wirklich realistische, nicht beschönigende Ausstattung und die Kostüme im Haushalt der alleinerziehenden Mutter im Plattenbau. Dass Birgit Minichmayr durchgängig wenig attraktive Klamotten am Leib hat, im Urlaub gar dies unsägliche jeansblaue Jumpsuit, ist überzeugend realistisch.

Probleme hab ich inhaltlich. In der Ankündigung des Films wird allgemein behauptet, dass Jessie vom Hochhausdach springt. Den gefährlichen Schritt selbst sieht man nicht, sondern nur wie der Körper fällt vor der Häuserfront in der Totalen, schnell hinter den Bäumen verschwunden. Dass es danach gleich den großen Sprung gibt in deutlich spätere Zeit, irgendwann am Grab, erscheint konsequent, denn es geht im Folgenden um die Trauerarbeit. Im Dialog zwischen der Mutter und dem Freund der Verstorbenen wird später thematisiert, dass Partydrogen im Spiel waren und er sich deswegen viel Schuld zuschreibt. Schön ist die Idee, dass die Mutter die gleichen Drogen dann an sich selbst austestet. Deren Wirkung bleibt leider jedoch sehr im Vagen, es wird nur der selbe seltsam beharrliche Blick entlang der Straßenbahngleise wiederholt, den schon die Tochter bei der Rückkehr zu den Wohnblöcken geworfen hatte. Der albern-glückliche, ausgelassene Zustand der beiden Jugendlichen nach der durchtanzten Nacht ermächtigt sich der Erwachsenen nicht. Wie meistens im Film bleibt das Unausgesprochene dominant. Der Zuschauer wird gefordert, sich in die stillen Protagonisten und ihr Leiden hineinzudenken und mitzufühlen – in langen Einstellungen, wo nichts passiert.

Ist nicht dieser Drogenkonsum mehr schuld am Tod des Mädchens als alles Andere? Ich wundere mich, dass dieser Zusammenhang zwar hergestellt, aber nicht weiter thematisiert wird. Ähnlich unbestimmt bzw. selbstverständlich steht der Konsum von Videospielen im Raum, den schon die jüngere Schwester pflegt, es den Älteren nachmachend. Die Bildwelt der Spiele gewinnt doch einen hohen Referenzwert im Lauf des Films – sie scheint die Stadt zu repräsentieren, wie auch die felsige Landschaft in der finalen Urlaubssequenz auf Teneriffa. Dort beginnt das Irreale, worin der Film endet, die untergehende Sonne bleibt als unbewegliches Pixel plötzlich einen Tag lang stehen am Himmel und Jessie wird wieder lebendig als Kleinkind, gefunden von ihrer fassungslosen Schwester in der Reinkarnation eines zuvor im Film gezeigten Familienfotos. Die ausgedehnte Schlusssequenz lässt alle Drei das Fundkind wie zwangsläufig als wiederauferstandene Jessie zwischen ratlos und glücklich je für sich annehmen. Sie hält eine gekonnte Balance zwischen einer Fortsetzung der gewohnten realen Welt im Urlaubshotel inklusive der Inszenierung der hektischen  Aktivitäten aufgrund eines vermissten, wohl ertrunkenen Kleinkindes – und dem unverständlichen Verhalten der drei verschworenen Trauernden. (Cinéasten erinnern sich dabei vielleicht an Antonionis Klassiker L’AVVENTURA/Die mit der Liebe spielen, wo beim Ausflug auf einer Insel unerklärlich eine Frau verschwindet und alle nach ihr suchen.)

Wer wünscht sich nach dem Tod eines geliebten Angehörigen diesen nicht zurück ins Leben???

Die von Selbstvorwürfen Zermürbten würden nur zu gern das Leben von Jessie neu und besser gestalten. Im Film ist es möglich, das endlose Trauern in eine magische Inszenierung des real  Unmöglichen münden zu lassen.

Meine eigene Reaktion darauf war zunächst Verwunderung, Irritation und auch Faszination am Spiel mit dem Irrealen. Und doch sperrte sich zunehmend mein Realitätssinn und nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, bin ich doch eher unzufrieden mit der erzählten Geschichte. Zu sehr bleibt es für mich eine Filmstory, zwar elegant erzählt, aber eben doch mit wenig Erkenntnisgewinn oder einer eher passiven Schilderung von realen Lebensumständen. Was ließe sich als Haltung der Regie zu einem solchen Unfall benennen? Dass solche Unfälle passieren können, bleibt in diesem Film für mich einfach so stehen. Wer sich mit der Bewältigung von Trauer befasst, wird allerdings hier wohl tief im Kinosessel versinken.

EVERYTIME

D/Ö 2026, 97 min

R: Sandra Wollner, K: Gregory Oke, S: Hannes Bruun // mit Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keimling, Tristán López, Carla Hüttermann