Beim Monolog eines Brandenburger Bodenbakteriums

von Heiko Michels — Das, worauf wir alle stehen und treten, spielt beim Bodenfestival Wulkow (Lebus) die Hauptrolle —

Das quietschlebendige Bodenbakterium (Schauspiel: Marianna Sonneck) hat ein Problem: in den Feldern um Wulkow bei Lebus, seit 1992 ökologisches Modelldorf, darf es sich zwar pestizidfrei tummeln und den Hummus lockern, aus dem dann die Kürbisse wachsen, die es dann besiedelt. „Doch wer kauft die Kürbisse mit meinem Mikrobiom – also meiner Familie aller Mikroorganismen? Die Berliner*innen, die kaufen Bio.“ Dort vereint es sich dann mit dem Mikrobiom der Prenzlauer-Berg-Mägen. „Und wo scheißen die das hochwertige Bakterien-Komplex jetzt hin? In ihre sterilen Toiletten.“ Das Biom landet in der Kläranlage und ist futsch. Und mit ihm der Kreislauf, der den Boden als Matrix des Lebens lebendig hält. „So geht’s nicht weiter“, weiß das sprechende Bakterium, und springt symbolisch in ein Soll (ein eiszeitliches Wasserloch), das in der Monolog-Performance als Zeit-Raum-Kapsel fungiert.

Marianna Sonneck redet wie ein Wasserfall im von jung bis alt überfüllten Bürgersaal des Dorfes. Mit einer Energie zwischen Faszination und Anklage bannt sie das Publikum: Auch wenn nicht alle immer folgen können, wenn in Ost-Brandenburg eine Österreicherin im Wiener Schmäh im abstrusen Kostüm als sprechendes Bakterium auch mal mit den Worten Rosa-Luxemburgs einem seine ökologische Krise vor die Füße wirft – man spürt, diesem Bakterium ist es ernst, davor hat man Respekt.


Komplexe Zusammenspiele performen

Und so ist es nun mal mit den komplexen Zusammenhängen – um die Bedrohung des Lebens auf dem Planeten greifen zu können, muss man die Brille zwischen Naturwissenschaft, sozialer Erfahrung oder ökonomischer Realität andauernd wechseln. Denn die Einfluss-Stränge sind komplex und verwoben. So wechselt auch Sonneck dauernd zwischen der Haltung einer Vortragenden und einer Rolle – auch indem sie um die 20 Mal grotesk-kompliziert ins und aus dem Ganzkörper-Kostüm schlüpft, nach ihren Notizen greift, wieder frei spricht. Hier reproduziert keine Schauspielerin einen fremden Text; hier spricht jemand, der ein Anliegen hat, und Mittel des Theaters nutzt, um Fragen des Bodens im Rollenspiel zu begreifen und greifbar zu machen. Hier spricht jemand, der Dinge selbst erforscht und denkt, über die er spricht.

Den Boden als sinnliche Schnittstelle seiner komplexen Einflüsse zeigen, das ist das Prinzip des eintägigen Bodenfestivals in und um den Ökospeicher Wulkow. Boden ist etwas, auf dem wir alle stehen, ob AFD-Wähler*in (Wulkow 25%) oder Kosmopolit*in, Boden ist etwas, was wir kennen oder zu kennen glauben. Die Spuren und Sporen des Bodens sind faktisch, zunächst für jeden und jede greifbar, ihnen folgen die kulturellen Auseinandersetzungen des Festivals zu ökologischen, ökonomischen oder religiösen Verstrickungen. In einer Handvoll Erde ist das alles drin. Und da der Boden der Grund ist, auf dem wir alle gemeinsam stehen, der uns ernährt, ist es nur konsequent, dieses lebendige Reservoir auf den Sockel zu stellen.


Boden ausgestellt, gefilmt, geknipst, geworfen

Die belgisch-Berliner Künstlerin Alison Darby hat eine Skulptur aus dünnen Steinschichten gebaut: norwegisches Larvikit und brandenburgische Feldsteine – zweitere kamen mit der Eiszeit aus Norwegen, die tauchen auch heut noch immer wieder aus den Urgründen der Erde auf, und so weist die Arbeit (und die Künstlerin, die darüber an der Arbeit spricht) auf die Transithaftigkeit des Bodens hin. Nichts ist fest. Auch nicht der Boden, an dem sich so einige Identitäre gern festklammern. Dies ist eine von acht künstlerischen Auseinandersetzungen, die in der Galerie im ersten Stock des Ökospeichers Wulkow gezeigt sind.
 
In analoger Fotografie erzählt Roman Boichuk über die den Alltag viel stärker als in Brandenburg bestimmende Rolle des Bodens seiner ukrainischen Dorfheimat. Die Bilder haben oft große graue Himmel, die mit den Böden verfließen, zwischen denen Mensch und Tier gleichfalls gefangen wie aufgehoben scheinen. Es handelt sich um handabgezogene Schwarz-Weiß-Fotografien. Durch diese alte Ästhetik erinnern sie an eine hiesige Vergangenheit, in der für uns oder unsere Vorfahren der Boden noch eine präsentere, täglich zu durchquerende oder zu beackernde Widerständigkeit hatte. Boichuk ist Künstler und Historiker, mit seiner Fototechnik provoziert er durch geografische Verschiebung eine historische Erinnerung.

MAATI – Geschichten von Erde. Von Sarah Sandring © Heiko Michels

„MAATI – Geschichten von Erden“ heißt eine raumfüllende, sechs Meter breite Fotocollage auf Fließtapete von Sarah Sanding. Diverse Erdoberflächen, meist senkrecht aufgenommen, prallen scharf aufeinander: u.a. kalifornische Lehmbaustellen, westdeutscher Waldboden, die Straßen um den Berliner Alexanderturm, japanische Muschelschalen-Müllkippen. Das immersive Bild produziert ein sinnliches Gefühl für die Haut der Erde und Verständnis für das, was Bruno Latour gemeint haben könnte, wenn er die kritischste Zone alles Lebens beschrieb als „die dünnen Schicht, die uns wirklich etwas angeht“.

Weiterhin kann man in einem Kurz-Hörspiel im hohlen Baumstumpf den hochlebendigen Sprachspielen von Erdbällchen beiwohnen, der Lebendigkeit des Bodens bewusst werdend, unterm Mikroskop live Erdorganismen walten sehen und auf Makrofotos bakterielle Prozesse erkennen, man darf gepflügte Böden als Serie abstrakter Feldlinien sichten oder die Schönheit sogenannten Unkrauts in Schwarz-Weiß-Fotografie verfremdet erleben. Im Garten im Rundzelt läuft ein 60minütiges Video-Tagebuch eines Amphibienschutz-Helfers am Krötenzaun; es dokumentiert die Einschnitte, die eine Brandenburger Autobahn ins Erdreich zieht. Und mit diversen Brandenburger Erden kann man sich die Hände dreckig machen, auf eine Zielscheibe werfen.

Boden-Zielwurf © Matthias Richter


Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden (1. Mose 3,19)

Mit dem Besuch der nahen (und beeindruckenden barocken) Dorfkirche wird dem Autor klar, wie weit die Frage nach Erde auch eine kirchliche ist (er hätte sie zuvor klar dem Heidnischen zugerechnet.) In der Kirche kann man in Erdfarben an einem Gemeinschaftsbild mitmalen, bei den zahlreichen Brauntuschtönen wurde fein vorbereitet, in der Krypta findet sich eine Gedicht- und Soundinstallation des Friedhofgärtners zum Thema.

Hinter der Kirche, mit Blick auf weite Felder, empfängt die Pfarrerin zu einer Meditation, einer 15-minütigen Reise einer Kastanie, in die wir uns barfuß und mit geschlossenen Augen einrollen, Wurzeln schlagen. Die praktisch-körperliche Predigt zum Mitmachen am warmen Herbsttag tut gut. Mit Blick auf den nahen „Gottesacker“ zitiert Pfarrerin Marie-Luise Gürtler ihren Beerdigungs-Sprachakt „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ und ja, nicht nur die unsterbliche Seele, auch die erdnahen Körper, seine Bestattungsriten, die Friedhöfe sind das Territorium kirchlicher Obhut. Seit dem Mittelalter gestalten die hiesigen Kirchen die Beschaffenheit der Böden mit, haben auch heute durchaus eine Macht.


Wem gehört der Boden?

31.000 Hektar Ackerland besitzt die Brandenburger Kirche, das sind 3%, dazu kommen 13.000 Hektar Wald, das erklärt im späteren Podiumsgespräch Beate Corbach, Klimaschutzmanagerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Und da die Kirche sich als Schutzpatron des Lebens versteht, verpachtet man jetzt nur noch mit Blühstreifen und denkt über weiteren Einsatz für lebendige Böden nach. Aus dem sperrigen „ökologisch-nachhaltigem Landbau“ wird hier eingänglich „Schöpfungsbewahrung“, und hier hat die Kirche durchaus eine kapitallogikfremde Macht. Dem steht eine Entwicklung entgegen, die Autor Dirk Böttcher im Gespräch beschreibt: Mit der Finanzkrise 2008 wurde Boden zum zentralen Investitionsobjekt, mehr als Gold und Immobilien erfährt der stumme Boden heute Wertsteigerung – ob er belebt oder tot ist, ist diesem Prinzip egal. Böttcher ist Autor des Buches „Das verkaufte Land. Bauern, Böden und Kapital“. Er proklamiert: „Wir verlieren den Boden unter unseren Füßen. Das Fundament unserer Existenz und unserer Wirtschaft wird versiegelt, überdüngt, überschwemmt oder vertrocknet. Die großen Krisen unserer Zeit – Wohnungsnot, Aufruhr der Landwirte, Migration, Krieg und Klimawandel – sind immer auch Bodenkrisen.“ Ihm gegenüber sitzt neben dem SoLaWi-Bauern Frederik Henn der Landwirt und Lebuser Bürgermeister Ralf-Tore Fabig. Im Brandenburger Slang lotet er die kirchlichen und ökologischen Ansätze und Ideenstränge des Gesprächs am harten Boden der hiesigen Realität und Mentalität aus.


Eine neue Generation an Kunst-/ Kultur-/ Wissens-Schaffenden

Genauso in Reibung zum Boden und seinem Menschenschlag sind die künstlerischen Beiträge des Festivals entstanden: Hier haben sich keine Kulturexpert*innen im stillen Kämmerlein Konzepte erdacht. Obwohl auch konzeptuelle Ansätze die Ausstellung prägen, spürt man ihren Abgleich an der Erfahrung vor Ort. Die Ausstellenden sind Künstler*innen, Kulturwissenschaftler*innen, Praktiker*innen. Dabei sind sie oft mehreres in einem, so auch die Kuratorin des Festivals, Neu-Wulkowerin Lea Marie Nienhoff, die in Basel zur Dekolonialisierung des Sozialismus promoviert, in Frankfurt an der Oder Kulturreferentin war und in Teilzeit noch ist, als Theaterpädagogin arbeitet und selbst auch auf Bühnen Theater spielt und tanzt. Im Juni lud sie alle Mitmachenden zu einem fünftägigen künstlerischen Wanderlabor. „Bei Hofbesuchen und beim Wandern abseits der Wege – zwischen Mais, Raps und Rüben – erkundeten wir, was unter unseren Füßen lag und schrieben Geschichten auf“, so ihr Rückblick. Aus den Begegnungen mit Böden und ihren Menschen entstand die Kunst des Bodenfestivals.

Hier scheint eine Millennial-Generation Kulturschaffender im Gange, die gendert und mit Bauern diskutiert, die international aktuelle kulturwissenschaftliche Diskurse genauso offen erkundet wie die sozialen Sümpfe des Dorflebens, die geowissenschaftliche Analysen berechnet und Rüben ausbuddelt. Die Gegensätze, in denen sich andere Künstler*innen-Generationen positionierten, sind das Spannungsfeld, in dem sie sich bewegen, das sie zu überbrücken suchen, bodenständig bis bodenlos, basal, banal bis fluid-assoziativ. Und wenn man sich beim Vortrag des Bodenbakteriums manchmal in kurzer Aversion im Waldorfkindergarten fühlt, macht die Performance gleich wieder einen intellektuell-ästhetischen Schlenker, der herausfordert. Das Bodenfestival nimmt so alle mit, aber ohne es allen jederzeit gerecht zu machen.

Bodenfetsival am Ökospeicher Wulkow © Matthias Richter


Die Ausstellung des Bodenfestivals im 1. Stock des Ökospeichers Wulkow ist noch bis Mitte November jeweils freitags von 10 – 13 Uhr sowie bei dortigen Veranstaltungen geöffnet.

Ökospeicher
Am Gutshof 1
15326 Lebus-Wulkow
Telefon: 033602 419422

  • Mehr zu den beteiligten Künstler*innen unter: www.boden.oekospeicher.de
  • Reisenotizen und Fotodokumentation des künstlerischen Wanderlabors hier zum Download.
  • Das Buch: „Das verkaufte Land: Bauern, Böden und Kapital“ von Dirk Böttcher ist 2024 bei brand eins books erschienen.