von Christel Weiler, Werner Gerber und Gästen — Innenansichten des fünfwöchigen „Himmel und Hölle“-Marathons auf der Sonnenburg —
Vom 11.9.2026 bis zum 17.10.2026 fand auf Sonnenburg bei Bad Freienwalde „Himmel & Hölle – eine Reise durch die Geschichte“ statt. Die Reihe übers Inferno beinhaltet rund 16 Veranstaltungen: Vorträge, Improtheater, Ausstellung, Live-Painting, Psychoanalysen, Kino, Gottesdienst, Workshops, Konzerte, Meditationen. Unser Artikel im Vorfeld „Himmel und Hölle in Brandenburg“ (18.8.) ist zur Zeit der meistgeklickteste auf kulturschreiber*innen. Da sich nicht jeder persönlich und über fünf Wochenenden in die Hölle der Wälder am Oderbruch begeben kann oder traut, geben wir hier dem Gastgeber und Schauspieler Werner Gerber, der Theaterwissenschaftlerin Christel Weiler und weiteren Gästen die Möglichkeit, das Geschehen in einem „Reisetagebuch“ zu spiegeln. (red)
11. September Prolog Christel Weiler
12. September Vernissage Genia Chef/ Psychodelic Dante
13. September Tag des offenen Denkmals / Männerphantasien
19. September Werner Gerber besucht seine Nachbarn
20. September Gottesdienst im Ausstellungsraum / Improtheater
21. September Psycodelic Dante – ein Werk im Werden
26. September Die Mörder sind unter uns
27. September Lacan im Oderbruch
28. September Psycodelic Dante – ein Werk im Werden II
3. Oktober Pizzabacken und ilkustriertes Konzert
4. Oktober Film & Gespräch: Rechtsradikalismus in der DDR und heute
10. Oktober Revolution und Tradewives
11. Oktober Lasst und ins Offene gehen
17. Oktober Dantes Männerphantasien und Matriarchalisch-martialische Performances
11.9.
Angeregt durch Christel Weiler’s Vortrag zu Höllenbildern aus der Geschichte und der Gegenwart, kommt es zu dem, was diesen Ort Gut Sonnenburg so besonders macht, nämlich zu sehr persönlichen Gesprächen mit Besucher*innen.
Christel Weiler erinnert zunächst an 9/11, den 25. Jahrestag des Infernos in New York, das die westliche Welt in eine völlig neue Zeitrechnung versetzte. Es machte uns bewusst, dass unser Empfinden von Frieden sehr trügerisch ist. Im Prinzip gibt es immer Krieg auf der Welt, aktuell erleben wir ihn allerdings als immer näher kommend.
Die Phantasie einer Hölle mit einem Gottesgericht hat für uns einfache Menschen, die wir uns als machtlos empfinden, durchaus etwas Tröstliches. Am Ende der Lebensreise von zwei Spannen über der Erde zu zwei Spannen drunter, stehen alle Menschen, auch die Tyrannen und Kriegsverbrecher vor der Frage: wie habe ich gelebt? Die Hölle und der Himmel versprechen beides Orte der Gerechtigkeit zu sein. Jede*r bekommt, was er/sie verdient.
Müssen diese dganzen grossen Worte hinterfragt werden? Schon die scharfe Trennung in Gut & Böse ist vielleicht Teil des Problems. Es wird Mephisto aus Goethes Faust zitiert:
Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Ohne diese Reibung haben wir keinen moralischen Kompass, den man für eine Reise eben doch braucht, wenn man die Orientierung nicht verlieren will.
Für den Dialog, das Sprechen, einen Raum zu schaffen, das ist unser Teil, den wir auf der Sonnenburg bewahren wollen in einer so schrecklich gespaltenen Welt. Genia Chef meint, was für Freud die Couch, ist für uns die Sonnenburg. Hier wird gesprochen und, was noch wichtiger ist, ohne ideologische Denkbarrieren zugehört.
Lasst alle Hoffnung fahren
…steht über dem Höllentor bei Dante. Das hört sich schrecklich an, aber man kann es auch lesen als Aufforderung sich hinzugeben an eine umfassende Erfahrung, ohne genau zu wissen, was am Ende dieser Reise steht.
Die Ausstellung Psychedelic Dante mit Bildern von Genia Chef weist durch ihren Titel deutlich darauf hin, dass Höllenbilder der menschlichen Einbildungskraft entsprungen sind. Woher diese wiederum ihre Nahrung erhielt, bleibt im Dunkel. Es mag die Angst vor dem Danach ebenso ausschlaggebend gewesen sein wie die konkrete Erfahrung von Gewalt und Sterben.
Wenn wir in die Antike als einem möglichen Anfang zurück gehen, dann erfahren wir, dass es eine „Hölle“, so wie wir sie uns möglicherweise vorstellen, nicht gegeben hat. Himmel und Hölle der Antike waren sehr irdisch. Die Götter waren auf den Bergen, auf dem Olymp, zuhause – und das Totengericht, der Hades, befand sich unter der Erde. Beide Sphären waren jedoch für die Lebenden nicht zugänglich. Es gab kein „Jenseits“ außerhalb des Planeten. Letzteres ist eine Erfindung des Christentums, bzw. ein religiöses Konstrukt.
In gewisser Weise sind wir heute wieder in einer der antiken Welt ähnlichen Verfassung. Man könnte sogar sagen, dass wir die Vorstellungen von Himmel und Hölle in der Weise radikalisiert haben, dass wir uns von den Göttern und den Totenrichtern befreit haben, indem wir sie in unser eigenes Inneres verlegt haben, so dass Himmel und Hölle auf Erden stattfinden, sozusagen mitten unter uns, mitten in uns selbst.
Wir hoffen, dass uns noch viele Menschen auf unserer Reise zu „Himmel & Hölle“ begleiten mögen, zu der Christel Weiler und die Gesprächsrunde einen guten Auftakt gemacht haben!
12.9.
Psychedelic Dante nennt Genia Chef seine malerische Auseinandersetzung mit Dantes Commedia. Die Ausstellung mit über 30 Bildern wurde heute mit einer außergewöhnlichen Vernissage des Zyklus eröffnet. Sie war nicht dominiert von Ausführungen von Kunsthistorikern, die immer schnell in Vergessenheit geraten, sondern der Maler führte uns sehr verständlich und beeindruckend in seine intuitive Methode des Malens ein.

Er erzählte, dass ihn bereits seit seiner Kindheit jahrelang die Fantasien Dantes beschäftigt haben. Er befindet sich sozusagen mitten in der Geschichte. Seine riesige Leinwand von 10 x 2 m, die jetzt in der Scheune hängt, hat er in seinem Atelier in Potsdam mit verschiedenen farbigen Flüssigkeiten, mit Tee, Olivenöl, Wein und Acrylfarben vorbereitet. Eine Videodokumentation dieses meditativen Prozesses der Vorbereitung wird in unserer Ausstellung gezeigt.
Es entsteht durch diese Technik zunächst eine Oberflächenstruktur, die die Vorstellungskraft der Betrachter*innen anregt. Für Genia Chef entspricht dies dem Diktum Leonardo da Vincis:
Betrachten Sie eine Wand mit Wasserschäden und Sie entdecken darin Bilder.
Genia Chef nimmt die anwesenden Ausstellungsbesucher mit auf seine Entdeckungsreise und zeigt ihnen in dieser Landschaft welche Figuren aus der ommedia er dort entdeckt. Dabei entsteht ein Dialog mit den Besucher*innen, der Künstler fragt nach deren Entdeckungen, nach dem, was sich ihnen dort zeigt. Genia Chef ist ein Künstler der seinen ganzen Malprozess als einen Dialog mit der Welt versteht. Seine Bilder sind nicht ausgedacht, sondern entstehen in einer Art Wachtraum zwischen dem Unbewussten und dem Vorbewusstsein. Die Wächter der Ratio werden dabei überlistet.
Dadurch passen seine Bilder nicht nur ästhetisch kongenial in unsere neue Eventscheune, die mit dieser Vernissage als weitere Location auf Gut Sonnenburg eingeweiht wurde, nein, auch seine ganze Haltung als Künstler steht für unser Ziel, Dialogräume zu schaffen. Der Künstler wird nun bis zum 17.10. weiter an dem Bild arbeiten und dieses vielleicht im Finale fertigstellen. Alle künftigen Besucher*innen werden dazu eingeladen, an den Wochenenden diesen Prozess zu verfolgen.
Nach der Vernissage geht es ins Gutshaus, wo eine Lesung aus dem Inferno von Dante mit den Projektionen der entsprechenden Bilder stattfand. Dabei mussten Christel Weiler und Werner Gerber für den leider erkrankten Freund Uwe Preuss einspringen. Das Feedback der Zuhörer*innen zeigte uns aber, dass diese von der Darbietung nicht enttäuscht waren. Angeregte Gesprächsrunden im Wohnzimmer der Gesellschaft folgten.

13.9.
Den Tag des offenen Denkmals nehmen wir gerne als Aufforderung: Denk mal!
In drei Vorträgen unter dem Label „Männerphantasien“ wird noch einmal deutlich, in welcher Weise die Geschichte von Sonnenburg und der weiteren Umgebung zwischen Bad Freienwalde und Wriezen auch durch männliche Machtphantasien geprägt wurde und wo ihre Spuren noch sichtbar sind.

Vor den Bildern seiner Ausstellung


Detlef Mallwitz, dessen Ausstellung zu den Plänen Albert Speers und des Bildhauers Arnold Breker in den Räumen von Gut Sonnenburg zu sehen ist, verweist noch einmal auf Speers Umbaupläne des Gutshauses, wovon heute der Kamin in der Bibliothek und Reste eines Bunkers noch Zeugnis ablegen. 1936 zog dann Hitlers Aussenminister Joachim von Ribbentrop dort ein. Breker wurde im gleichen Jahr zum bedeutendsten deutschen Bildhauer der Nation erklärt. 1940 konnte er auf Gut Jäckelsbruch, das ihm Hitler geschenkt hatte, tätig sein und durch die dort errichtete Steinbildhauerwerkstätten Arno Breker GmbH konnte das ‚deutsche Reich‘ mit Werken seines Namens beliefert werden. Für detaillierte Informationen zu Breker und die von den Nationalsozialisten geplante Künstlerkolonie im Oderbruch sei hier auf die Ausstellung verwiesen und auf ein dazu gehöriges von Detlef Mallwitz verfasstes Buch mit reichem Bildmaterial.
Werner Gerber, der heutige Hausherr von Gut Sonnenburg, verfolgt in seinem Vortrag die Spuren von Joachim von Ribbentrop, die dieser hier zurück gelassen hat. Die Sonnenburg diente ihm als Wohnhaus und als Ort für eine Pferdezucht. Man kann allerdings davon ausgehen, dass nicht unwesentliche politische Entscheidungen der Nationalsozialisten in den Räumen von Gut Sonnenburg gefällt wurden, schließlich befand sich dort im Winter 1944/45 das Büro des Reichsaussenministeriums.
Sowohl der Sohn Ribbentrops Rudolf von Ribbentrop als auch sein Enkel Dominik von Ribbentrop haben beide aus ihrer jeweiligen Perspektive versucht, dem Charakter des Vaters bzw. Großvaters näher zu kommen. Auch Antje Vollmer hat in ihrer Publikation ‚Doppelleben’ dazu beigetragen, Licht in diese Abgründe der deutschen Geschichte zu bringen. Der Hausherr will versuchen durch solche Veranstaltungen immer wieder der Verantwortung gerecht zu werden, die ein solcher historischer Ort bedeutet. Nie wieder ist Jetzt!
Prof. Dr. Claudia Weber betonte in dem Gespräch nach dem Vortrag noch einmal, dass nicht zuletzt das Karriere betonte Verhalten Ribbentrops zu fatalen politischen Entscheidungen in den letzten Kriegsjahren beigetragen hat.
Schliesslich und endlich spricht Dr. Reinhard Schmook in bewundernswerter Klarheit über ein eher amüsantes Kapitel der DDR-Geschichte, in dem das Politbüromitglied Horst Sindermann eine Rolle spielte. Es wurde ruchbar, dass sich Sindermann 1975 gerne auf der Sonnenburg ein Domizil für von dort ausgehende Jagdausflüge geschaffen hätte. Nachdem allerdings die Westmedien davon erfahren hatten, wollte man nicht unbedingt den Eindruck erwecken, Nachfolger eines Nazis auf Gut Sonnenburg zu sein. Allerdings – so im Vortrag zu hören – lassen sich ähnliche Vorlieben für Orte nicht ganz aus der Welt schaffen.
Die Vorträge sind gut besucht – ihnen folgen angeregte Gesprächsrunden.
19.9.
von Werner Gerber — Da bei uns heute keine Veranstaltung von Himmel & Hölle läuft, nehme ich die Gelegenheit wahr, andere Kulturorte der Gegend zu besuchen. Leider ist man keine multiple Persönlichkeit, sodass man immer nur eine kleine Auswahl aus dem reichhaltigen Angebot des Oderbruchs treffen kann:
Ich fahre zu einem Konzert im Refektorium des Klosters Atfriedland. Schon allein der magische Ort entführt in alte Zeiten. So passt auch die Musik des Duos Luciole mit Sophia Stern (Mezzosopran) und Charlie Zhang (Theorbe) perfekt in diese Szenerie. Die Musiker spielen alte Musik von der Renaissance bis zum Hochbarock. Bei der Zugabe kommt mit einem französischen Chanson auch diese Seite ihres reichhaltigen Repertoires zum Klingen. Die wundervolle Stimme von Sophia Stern ist hochartifiziell ausgebildet und doch so natürlich klingend. Eine Theorbe höre ich hier zum ersten Mal, eine alte Verwandte der Gitarre; aber auch die Laute von Charlie Zhang zeigt, dass hier ein Meister seines Fachs von internationalem Rang am Werke ist. Ich wünsche mir sehr, dass diese alten Perlen der Musikkunst auch von jungen Hörer*innen genossen werden.
Auf der Rückfahrt will ich im Chamisso Museum in Kunersdorf noch kurz „Hallo“ sagen, aber das Tor ist verschlossen. Gerade läuft auch hier eine Veranstaltung: Gehen * Bleiben * Kommen, ein Eberhard-Esche-Programm mit Schauspieler Jens Uwe Bogadtke und Lexa A. Thomas am Elektro-Bass. So bleibe ich außen vor, aber da das Konzert open air in dem prächtigen Garten stattfindet, kann ich von weitem wenigstens hören, was ich verpasse.
Zurück auf der Sonnenburg erlebe ich dann die Avantgarde im MAGnetLAB. In unserm Rinderstall veranstaltet der Künstler Christian Graupner mit dem Projekt „Angst Basel“ hochinteressante Kollaborationen mit diversen Künstlern. Eine 4-Kanal-Musik-Installation zaubert eine Gegenwelt zu Alter Musik, diverse Objekte verhalten sich zueinander in den weiß gekalkten Räumen und bieten eine perfekte Szenerie für die intensive Performance von V3Ruschka Care.Less.Caress.

„In the middle of NOW+HERE“ ist das Wortspiel, dass den Ort beschreibt. Eine Teilnehmerin spricht ihn als „nowhere“ aus. Aber gerade diese Veranstaltung beweist, dass wir hier nicht im Niemandsland sind, sondern im JETZT+HIER.
Eine ausführliche Rezension zum MAGnetLAB auf kulturschreiber*innen lesen sie hier: QUAD – Klänge und Farben aus der Stille von Thomas Uhlmann
20.9.
von Werner Gerber — Heute wird uns die Doppelgesichtigkeit des menschlichen Dramas in der Event-Scheune auf Gut Sonnenburg vorgeführt:
In einem Gottesdienst setzt sich Pfarrer Johannes Eichhorn mit den Abgründen der Höllenbilder in der Bibel auseinander. Seine Predigt ist sehr tiefgründig, philosophisch und verbindet sich mit dem Anfangsvortrag von Christel Weiler. Basierend auf weniger bekannten Bibelstellen stellt er Fragen in den Raum, denn so genau lässt sich das mit dem Gut & Böse nicht auseinanderhalten.
Der Teufel sei in der Bibel nicht wirklich der Herrscher der Unterwelt, sondern selber ein Gefangener, vor dem Luther eine höllische (sic!) Angst gehabt habe. Der Psychoanalytiker Lacan sagt:
Da wo die Angst ist, liegt die Wahrheit.
Was ist Luther da begegnet, als er gegen den Teufel ein Tintenfass geworfen hat? Die Projektion seiner eigenen Abgründe?
Jesus verwendet, so der Prediger, in seinen Worten nicht den Begriff „Hölle“, sondern nennt den realen Ort Gehenna, an dem in der alttestamentlichen Königszeit grausame Kinderopfer stattgefunden hätten, unter anderem für den Gott Moloch. Später haben die Propheten diesen Ort verflucht; er ist zum Schmutz- und Müllplatz der Stadt geworden, an dem ununterbrochen Feuer brannten, Abfälle und Kadaver verbrannten. Dort wird laut Jesus das jüngste Gericht stattfinden. Also konkret hier auf der Erde. Da musste ich an die real existierenden Höllen von 9/11 bis zu den aktuellen Kriegsschauplätzen denken. An die Höllen mitten unter uns.

In der Offenbarung werde der Teufel freigelassen und die Welt versinke im Chaos, im Blutmeer, und darin stirbe der Tod selbst. Was soll dieses Bild bedeuten? Der Tod versinkt in einem schwarzen Loch? Ist das die Auflösung der Zeit? Das Nichts, die Leere?
Das ist für mich philosophisch eine sehr spannende Frage und sie bleibt beunruhigend, weil ich an die Erlösung der Gläubigen in Gott nicht glauben kann. Fast beneide ich die Gläubigen, die Bonhoeffers Glaubensbekenntnis sprechen können:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Wir Ungläubigen müssen diese Kraft aus uns selbst schöpfen. Ist das nicht manchmal eine Überforderung? Wäre es nicht schön, wenn wir ganz einfach singen könnten: „Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not. Der kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten. Mein Unglück kann er wenden. Steht all in seinen Händen.“ Für mich stellt sich eher die Frage von Iwan Karamazov:
Wenn Gott tot ist, ist dann alles erlaubt?
Ich denke, der Psychoanalytiker Bernhard Schwaiger wird in seinem Vortrag Das Begehren des Gesetzes am 27.9. auch darüber sprechen.
Nach diesen schwerwiegenden Fragestellungen folgt das Theaterspiel einer Berliner Impro-Theatergruppe. Wir dürfen jetzt erlöst lachen über die ach so banalen Alltagsprobleme zum Thema Schuld, wie: ich habe die Socken meines Freundes zu heiss gewaschen, bei der Steuererklärung gemogelt, eine Ameisenstraße überfahren. Aber geschickt gelingt es der Gruppe, diese Banalitäten hochzutreiben zu Alltagstragödien und verletzenden Schuldzuweisungen, die das Gemeinwesen beschädigen.

Wir erkennen, dass gerade diese Schuldzuweisungen ganz oft unsere Lebenswirklichkeit verdüstern und wir dann plötzlich nichts mehr zu lachen haben. Da gewinnt dann Sartres berühmter Satz seine Gültigkeit:
Die Hölle, das sind die Anderen.
Diese zwei Veranstaltungen heute sind für mich als Initiator dieser Reise ein wahrer Glücksfall. Ich weiß ja im Voraus nicht, was da passiert, weder wenn ein Pfarrer sich aus seiner Kompetenz und Professionalität heraus dem Thema „Hölle“ widmet, noch wenn ein Improtheater dies tut. Heraus kommt die Doppelgesichtigkeit des Dramas, was mich als Theaterschaffenden natürlich besonders freut, denn zur Darstellung der Wirklichkeit gehört eben sowohl die Tragödie als auch die Komödie.
21.9.
Der russisch-deutsche Künstler Genia Chef, Mitbegründer des bildnerischen Post-Historismus, arbeitet über 5 Wochen auf der Sonnenburg an einem 3×10 Meter hohen Gemälde seiner Serie Psychodelic Dante. Hier ein bildnerischer Zwischenstand in zwei Detailfotografien – Chef arbeitet aus einem Wolkenbild Gesichter und Figuren heraus:


26.9.
Die Mörder sind unter uns
Dieser erste deutsche Film der Nachkriegszeit spielt im zerbombten Berlin 1945 in einer konkreten Landschaft wie das von Jesus genannte Gehenna, einer Hölle auf Erden.
Nicht nur die Häuser sind in Trümmern, sondern auch die Seelen. Der Arzt Hans, gespielt von Ernst Wilhelm Borchardt, versucht sein Kriegstrauma im Alkohol zu ertränken.
Susanne, gespielt von der jungen Hildegard Knef, hat das KZ überlebt und gehört wohl zu den glücklichen Menschen, die dieses harte Schicksal nicht zerbrochen hat. Liegt das vielleicht daran, dass sie keine Schuld auf sich geladen hat und nur Opfer war? Anders als Hans, den der Krieg mehr verstrickt hat. Er ist in Polen als deutscher Soldat Zeuge geworden, wie ein Offizier unschuldige Geiseln hat erschießen lassen.
Auf der Gegenseite ist die Figur des alten Nazis Brückner, Hauptmann a.D., nach heutigen Maßstäben ein Kriegsverbrecher, der die Entnazifizierung schadlos überstanden und sich nun zum erfolgreichen Kapitalisten gemausert hat.
Wer waren die Schuldigen im Nazideutschland? Nur der Führer und seine Verbrecher-Bande, die zu Recht in Nürnberg verurteilt und gehängt wurden? Was ist mit denen, die zu der Zentrale der Macht gehörten, aber durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen konnten, so wie Speer?
Was ist mit all den Richtern und Beamten, die weiter im Amt blieben und so aktiv an einem System der Verdrängung arbeiten konnten? Laut Adenauer wurden sie ja beim Wiederaufbau Deutschlands gebraucht. Eine fatale Situation, die sich bei allen Zusammenbrüchen von Diktaturen wiederholt.
Ja, und was ist mit dem Volk? Waren alle unbeteiligte Statisten im III. Reich, nur Verführte, die nichts wussten? Und was ist heute? Stolpern wir wieder ahnungslos in die nächste Katastrophe? Das Volk verharrt in der Position von kleinen Kindern, die vom großen Anderen geleitet werden, sei es von Gott oder dem Führer und nur passiv genießen, sprich konsumieren wollen.
Im Osten wurde der Antifaschismus zelebriert, aber war das wirklich eine echte Auseinandersetzung oder eher ein bloßes Ritual? War man bereit, die Verantwortung für die Gräueltaten der vorher beschworenen Volksgemeinschaft zu übernehmen, oder hat man nur die braune Socke gegen eine rote getauscht?
Als Schweizer kenne ich mich gut aus mit dem Mythos des Antifaschismus. Bei uns waren die einfachen Männer an der Front, Gewehr bei Fuß, Max Frisch erzählte davon in seinen Tagebüchern, während die Industriebonzen und auch Teile des militärischen Führungspersonals mit den Nazis paktierten und so die Lebenslüge der Neutralität ins Leben riefen.
Nein, dass da irgendwas von Gerechtigkeit durch die Menschen vollzogen worden wäre, kann ich nicht sehen und der liebe Gott hat ihnen leider dabei auch nicht geholfen.
Was ich jedoch als Möglichkeit der Verarbeitung sehe, ist die Kunst. Genia Chef macht es mit seiner Arbeit, wenn er sich an den Höllenbildern Dantes abarbeitet. Wir haben im Januar Rosselinis Germany anno Zero gezeigt, ein Film, der in der gleichen grauenvollen Szenerie in Berlin spielt wie jetzt Die Mörder sind unter uns. Ich halte es mit Heiner Müller, der auf die Frage, warum er mir immer bloss Schreckliches zeigen würde, antwortete:
In der Darstellbarkeit des Schrecklichen liegt die Hoffnung.
Nicht verdrängen, sondern hinsehen und verarbeiten! Das ist unser Credo. Unser Glaubensbekenntnis, damit Nie mehr, Jetzt ist.

Zuschauer-Gespräch nach dem Film:
Wie immer nach so einem starken Film, herrschte erst einmal das große betroffene Schweigen. Zu sehr hatte alle die Emotionalität des Filmes berührt. Aber dann im folgenden Gespräch kommen doch sehr unterschiedliche Aspekte und Fragen ins Spiel:
Ist es nicht kontraproduktiv, immer wieder an das Grauen zu erinnern, das Deutschland über die Welt gebracht hat? Ist man sich dieser faschistischen Kollektivschuld nicht auch manchmal überdrüssig und spielt das den Blaubraunen in die Karten?
Ist das aber nicht bereits ein Beispiel, wie man sich einen Diskurs aufzwingen lässt? Geht es nicht vielmehr darum, immer wieder gegen das Vergessen anzuarbeiten? Die Kriegsruinen in Berlin 45 zu sehen, lösen natürlich Ängste aus. Niemand will wieder einen Krieg. Aber bitte nicht vergessen, diese Ruinen sind das Resultat des Angriffskrieges, der von Deutschland ausging. Die Ruinen in Polen oder England motivieren die Menschen da bestimmt eher dazu sich zu bewaffnen, um sich gegen den Angreifer aus Russland wehren zu können. Pazifismus wird hier eher zur Waffe des Angreifers
Eine Zuschauerin lenkte den Focus auf das Thema der individuellen Verantwortung, die man in jeder Diktatur zu tragen hat. Es geht eben in diesem Film weniger um die kollektive Schuld, sondern um das eigene Verhalten. Bin ich Täter, Mitläufer, Opfer oder Held? Würde Hans nicht auch zum Mörder, wenn er individuelle Rache übt? Würde er sein Kriegstrauma so los? Oder ist nicht die Liebe der einzige Weg aus dieser Sackgasse?
Susanne, zurück aus dem KZ, will eigentlich nur vergessen, aber der alte Optiker in diesem ruinösen Haus spricht von einem andern Weg, der sich öffnet, wenn man ein Ziel hat und das heisst: leben und arbeiten. Und genau diese optimistischen Zeichen gibt es auch im Film, angefangen mit den in den Ruinen spielenden Kindern, den Trümmerfrauen, die aufräumen. Hans verändert sich in dem Moment, wo er durch eine Notoperation ein Kind rettet und Susanne richtet in der verwüsteten Wohnung ein Zuhause ein, in dem die Liebe der Beiden eine Hoffnung haben kann.
Nachgeschlagen im Internet, berichtet eine Zuschauerin von den unterschiedlichen Reaktionen, die der Film bei der Entstehung ausgelöst hat. Die Alliierten lehnten das Drehbuch ab, man war nicht daran interessiert von ‚Mördern unter uns‘ zu sprechen. Die Sowjets hingegen wollten vielmehr die Schuld der Nazis erzählen. So hat in der Folge der Antifaschismus im Osten eine rituelle Form angenommen, was eben noch keine Aufarbeitung darstellt. Der Mythos wurde aufgebaut, die Nazis sind alle drüben, im Westen, später hinter dem antifaschistischen Schutzwall.
Im Westen tat man sich schwer mit der Entnazifizierung, zu viele Altnazis waren da noch in Amt und Würden und so können heute noch diese alten Netzwerke wirken, auch wenn die 68er Generation doch sehr viel in Bewegung gebracht hat. Ich frage mich allerdings persönlich, ob nicht gerade im Osten Deutschlands der preußische Untertanengeist überleben konnte?
Ein interessantes Detail erfuhren wir noch aus der oben erwähnten Internetrecherche. Der Film erlebte seine Uraufführung genau in der Nacht, als die in Nürnberg zum Tode Verurteilten hingerichtet wurden. So schließt sich ein makabrer Kreis jetzt in Ribbentrops ehemaligem Domizil. Er soll ja Filme sehr gemocht haben. Aber diesen Film wohl eher nicht.
Besonders wertvoll finden wir alle, dass es einen Raum gibt, wo offen gesprochen werden kann, wo unterschiedliche Meinungen ausgehalten werden. Wenn ein älterer Herr seine Erinnerung teilt, wie er als 6-jähriger mit seiner Mutter und Geschwistern mit Leiterwagen aus dem völlig zerstörten Berlin Mitte nach Weissensee gezogen ist, vorbei an russischen Soldaten, die seine Mutter eben nicht belästigt haben, dann gehört das eben auch zu einer umfassenden Erzählung. Ich bleibe dabei, Erinnern ist etwas Wertvolles.
27.9.
Lacan im Oderbruch
Was ich im Oderbruch besonders schätze, sind die Menschen, die wir hier kennenlernen dürfen: eigenständig denkend, manchmal etwas störrisch, gar stur, oft sehr originell. Das alles passt sehr gut zu Lacan
Jacques Lacan (* 13. April 1901 in Paris; † 9. September 1981 ebenda), war ein französ-ischer Psychiater und Psychoanalytiker. Er ist für seine Beiträge zur Psychoanalyse und zu einer erneuten Lektüre der Werke Sigmund Freuds bekannt.
Ihn interessierte vor allem das Subjekt, die konkrete Person und weniger die Lehre als solche. Er hinterfragte Orthodoxie und Ideologie. Die Psychoanalytische Therapie, die er vertrat, hatte nicht zum Ziel, gut funktionierende Rädchen für das System zu generieren, sondern eigenständige Individuen, die ihr Begehren zum Leitfaden ihres Handelns machen wollen.
Lacan hat eine sehr eigenes Verständnis des Begriffes „Begehren“ geschaffen. Er sagt: das Begehren entsteht aus einer grundlegenden Lücke im menschlichen Leben. Da wir als sprechende Wesen von unserer Natur getrennt sind, bleibt immer ein Mangel zurück. Dieser Mangel kann nie restlos ausgefüllt werden, dadurch hört das Begehren auch niemals auf, ist ein Motor für Handeln, wenn diese Lücke nicht z.B. durch Konsum notdürftig verstopft wird.
Lacan spricht nicht von Patienten, denn es geht hier nicht um die Einordnung in ein Krankenkassensystem, das ja Teil der Ordnungsmacht ist. Die Analyse der Person ist eher als Forschungsreise zu verstehen, bei der der Analytiker den Analysanten nicht berät sondern begleitet in seinem Sprechen. Das Setting begünstigt dabei ein Sprechen des Unbewussten.
Als eigenständige Subjekte brauchen wir aber auch andere Gleichgesinnte, wenn wir nicht in Eigenbrödelei verfallen wollen. Wir brauchen eine Gemeinschaft mit unabhängi-gen Individuen. Dafür wollen wir in unserm Wohnzimmer der Gesellschaft einen Raum bieten: für das freie Sprechen. Das ist zum Beispiel unser Begehren, das von Cynthia, meiner Frau und mir.
Die Freiheit des Individuums braucht einen Rahmen, sie braucht Gesetze. Ohne diese gibts keine Freiheit. Für die Gläubigen jedwelchen Glaubens gibt es die „Göttliche Ordnung“, das soll ihnen den moralischen Kompass für ein humanes Handeln geben. Wenn sie nicht gerade aus dieser Ordnung heraus Andersgläubige bekämpfen, ist das die Freiheit zu glauben, was sie wollen.
In einer multipolaren Welt brauchen wir allerdings auch ein übergeordnetes Gesetz, wir brauchen zum Beispiel die Menschenrechte. Wir brauchen Gesetze in einem Gemein-wesen wie dem Staat, und natürlich werden alle Gesetze gelegentlich gebrochen.
Dr. Bernhard Schwaiger ist Psychologischer Psychotherapeut, Kinder-/Jugendlichen-psychotherapeut und arbeitet im Jugendstrafvollzug Mecklenburg-Vorpommern. Er beschäftigt sich auch in der Forschung mit psychoanalytischer Therapie von Straftätern und der Rolle der Psychoanalyse in Institutionen. Er ist Mitglied der Freud-Lacan-Gesellschaft und Autor des Buches: „Das Begehren des Gesetzes
Zur Psychoanalyse jugendlicher Straftäter“
Er geht davon aus, dass in der psychoanalytischen Einzel- und Gruppenarbeit mit jugendlichen Straftätern die Auseinandersetzung mit den juristischen Gesetzen stets auf das grundsätzliche Prinzip zurück geführt werden kann, das die Psyche und ihr Begehren strukturiert. Diese Hypothese untersucht Dr. Bernhard Schwaiger nicht zuletzt vor dem Hintergrund der bei Jugendlichen virulenten Pubertätsproblematik.
Anders als die in Mode gekommenen kognitiven und konfrontativen Trainingsprogramme für Straftäter, sieht es die Psychoanalyse als ihre Aufgabe, ein Sprechen zu ermöglichen, das den Zusammenhang von Gesetz und eigenem Begehren zur Sprache kommen lässt. Indem immer weiter geredet wird, wird das Ausagieren von Konflikten gemindert.
Der Vortrag von Bernhard Schwaiger stellte im Wesentlichen die Grundzüge seines lesenswerten Buches vor, die die Ethik der Psychoanalyse im Feld des Strafvollzugs, also einer staatlichen Institution praktizieren will.
Die Würde des Subjekts, das Lindern des Leidens, das oftmals darin besteht, dass der Straftäter in die Lage versetzt wird, seine Tat zu verstehen, steht im Zentrum. Dem Täter soll die Chance geboten werden, sich aus den immanenten Logiken des Verbrechermilieus zu lösen. Das Gefängnis schafft ein eigenes System an Normen, von denen sich der, oftmals noch jugendliche Straftäter distanzieren sollte, damit die Strafanstalt nicht zu einer Schule des Verbrechens wird. Ein Ziel der Therapie ist es, dass der Jugendliche bei seiner Entlassung nicht wieder zurückkehren will in sein altes Milieu, um nach einer womöglich noch schlimmeren Tat erneut im Gefängnis zu landen.
Wichtig ist stets, dass die Therapie keine Zwangsveranstaltung ist, sondern vom Gefangenen als Ort des freien Sprechens erfahren wird, als eine Zeit des Begreifens und nicht der Strafe. Vielleicht erreicht man so, dass aus dem Teufelskreis von Schuld und Sühne ausgebrochen werden kann, was wiederum durchaus im Interesse der Gesellschaft sein kann.

Im darauf folgenden Erfahrungsaustausch haben ein Kriminalkommissar a.D. aus seiner Berufspraxis, ein Besucher von seinen wertvollen Erfahrungen als ehrenamtlicher Gesprächspartner im Strafvollzug Wriezen, ein Architekt von seinen Planungen für einen humanen Gefängnisbau in Eberswalde, ich selbst aus meiner Arbeit als Theaterregisseur in der JVA Plötzensee, Berlin und Bernhard Schwaiger von einigen Einzelfällen berichtet.
Alle diese Berichte zeugen von einem Menschenbild, das Straftäter als gleichwertige Menschen anerkennt. Wir wollen sie nicht in eine Hölle verdammen, wo sie gefoltert werden und wir lehnen die Todesstrafe ab. Das Gefängnis soll sie auch vor der Rache, der Selbstjustiz der „braven“ Bürger schützen.
Damit schloss sich ein Kreis zum gestrigen Film. Mörder sollen vom Gericht verurteilt werden und kein Einzelner soll sich die Schuld der Rache aufladen.
28.9.
Der russisch-deutsche Künstler Genia Chef, Mitbegründer des bildnerischen Post-Historismus, arbeitet über 5 Wochen auf der Sonnenburg an einem 3×10 Meter hohen Gemälde seiner Serie Psychodelic Dante.Immer mehr Figuren entstehen in Genia Chefs Bild



3.10.
Samstagnachmittag Pizzabacken mit den Bewohnern des Dorfes
von Christel Weiler — Man schlendert zuerst durch die Ausstellung, trifft sich in der Hofküche, Kinder spielen auf dem Gelände. Wer kommt denn da aus Cottbus? fragt jemand mit Blick auf das Autokennzeichen. Neue Gäste spazieren auf das Gelände, bringen ihr Körbchen mit Pizza-Zutaten mit. Zwischen allen streunt ein Hund. Immer wieder ist Genia Chefs Ausstellung ein Anziehungspunkt. Schön zu sehen, wie entspannt man ankommt, kurz miteinander plaudert, weitergeht. Manche scheinen sich schon länger zu kennen, man erkennt es daran, dass sie nach dem Wohlergehen vonFamilienmitgliedern fragen.
Im Ofen glüht bereits die erste Pizza, vor der Sommerküche liegen Würste auf dem Grill. Zwei Mädchen möchten eine Herzpizza backen. Das geht natürlich auch. Überall bilden sich kleine Grüppchen, man redet miteinander über dies und jenes. Der Ofen braucht noch ein wenig Holz, damit die nächsten Pizzen auch gut gebacken werden können. Am langen Tisch, draußen vor der Scheune werden die „Themen des Tages” diskutiert, ein Bier getrunken, bedauert, dass es keine direkte Zug-Verbindung mehr gibt nach Berlin, dass die Knacker besser schmecken als die Bockwürste. Es wird allmählich dunkel und immer noch wird eine weitere Pizza in den Ofen geschoben.

Samstagabend: Konzert von Linebug
Gegen 19 Uhr kommen die ersten Gäste für das Konzert. Der Beginn zieht sich ein bisschen hin, das Pizzabacken diktiert eine gewisse Langsamkeit. Ein Glück, dass die beiden Musiker geduldig sind. Bei Linebug handelt es sich um einen Mann und eine Frau, Line und Christian, beide aus Dänemark, die es nach Zeitz verschlagen hat. Ihr „illustriertes Konzert“ , eine audiovisuelle Show besingt und zeigt künstlerisch gestaltetet Porträts von „Invisible Places/Unsichtbaren Orten” in der DDR“. Wir sehen historische Aufnahmen aus Zeitz, lernen, dass man bei ihrer Ankunft fragte: weshalb von Kopenhagen nach Zeitz? All der verborgenen Schönheiten wegen! Der Entschleunigung wegen! Wir lernen Eythra kennen, einen Ort, den es seit 1980 nicht mehr gibt – er wurde dem Kohlebergbau geopfert. Hoyerswerda kommt ins Bild, Jahre nach den rassistischen Übergriffen. Es hat sich vieles getan, Wandlung hat dort stattgefunden. Weiter nach Deuben zum Kohlebergbau, zu den „Herzen aus Kohle“, wie es im Lied heißt, nach

Jamel mit seinen Rechtsradikalen und Birgit und Horst, wo sich Fragen nach dem Zusammenleben mit dem politischen „Feind“ mehr als deutlich stellen. „Würdest du Hilfe bekommen, wenn du verletzt auf der Straße liegst? Würdest du deinem Nachbarn helfen, wenn er verletzt auf der Straße liegt?“ Es geht nach Prora auf Rügen, ein Ort, der seine Vergangenheit nicht so gerne sehen möchte und Wellness rund um die Uhr verspricht. Kein Wunder mit dem langen Strand und der Ostsee vor Augen.
Was hier am Abend stattfindet, ist eine Art von Geschichtsunterricht in Liedern und Bildern, gezeichnet, fotografiert, zart besungen, eine Art Gegengeschichte zu dem, was wir häufig hören. Kein Jammer, keine Polarisierung, alles wird liebevoll, ohne Urteil erzählt, die dunklen und die hellen Seiten gleichermaßen.
Nach der Pause wirkt es wie ein Atem holen für die beiden Künstler selbst, wenn sie von ihrer dreimonatigen Wanderung durch Südfrankreich und Spanien singen und entsprechende Bilder zeigen. Als ob es das notwendige Pendant zum Vorherigen wäre: sie freuen sich daran, wie viele staunenswerte natürliche Dinge noch existieren. Wie schön, dass es das alles noch gibt: die Dörfer, die Ameisen, die Vögel, die Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Santiago de Compostela kann nicht das Ziel der Reise sein … Wie schön, dass man sich einen Traum erfüllen kann.
Zu guter Letzt führt die Reise natürlich wieder zurück: nach Demmin, nach Altenburg und Eisenhüttenstadt. Die drei Stationen sind wie ein Resümee, ein poetischer Kommentar zu allen Streitigkeiten, Widersprüchen, zu allem erfahrenen Leid. Sie erzählen davon, wie unmöglich und problematisch es ist, die Tragödie eines anderen zu zelebrieren, davon, wie das Wasser alles erinnert und was die Lust am Tanzen in Bewegung setzen kann. Ein letztes Lied über die Schönheit des Sternenhimmels reicht bis nach Peking und ich frage mich, ob es eine Katastrophe – wie damals die Pandemie – braucht, um wieder mit Staunen nach oben blicken zu können. Als Zugabe gibt es dann noch Bilder aus Zeitz, von der Ruine der alten Villa, die irgendwann unter Bäumen und Gräsern und allerlei Pflanzen verschwunden sein wird.
Wie schön, dass diese beiden fremden Blicke auf die Geschichte all dieser Orte fallen, dass eine Perspektive sichtbar wird, die einem Weitwinkel gleichkommt und letzten Endes ganz tröstlich ist: irgendwo wird ein Samenkorn seinen Weg finden und aufgehen und sei es auf den Steinen einer alten Villa in Zeitz. Vielleicht wurde auch eines gesät am 3. Oktober 2026, am Feiertag der Wiedervereinigung von Ost und West.
4.10.
Sonntagvormittag Diskussion mit Ingo Hasselbach und Nadja Klier
von Christel Weiler — Der Saal ist voll, die Themen Rechtsradikalismus, Nazi-Szene in der BRD, Unrecht in der DDR stoßen auf großes Interesse. Auch hier kennt man sich, hat sich vielleicht länger nicht mehr getroffen und freut sich über das Wiedersehen. Erinnerung und Dialog sind angesagt.
Der Sonntag-Vormittag könnte nicht verschiedener sein vom vorigen Abend. Gestern gab es den Blick von Außen, die künstlerische Annäherung an die Geschichte, heute gibt es den Blick von Innen, das erlittene Unrecht und die Konsequenzen, die man daraus zieht.
Nadja Klier und Ingo Hasselbach erzählen in einem 30-minütigen Film aus je eigener Perspektive, welche biographischen Brüche sie als Jugendliche in der DDR erlebt haben:
Nadja Klier wurde 1988 gemeinsam mit ihrer Mutter Freya Klier und deren Ehemann Stephan Krawczyk ausgebürgert. Sie erzählt, dass es lange gedauert hat, bis sie sich mit dieser für sie traumatisierenden Erfahrung auseinandersetzen konnte.
Ingo Hasselbach landete mit 19 zum ersten Mal in einem Gefängnis, weil er lauthals gefordert hatte, dass die Mauer verschwinden soll. Aus einem Punk wurde während der Inhaftierung durch die Begegnung mit NS-Kriegsverbrechern ein rebellischer Neo-Nazi, der genau dafür wieder ins Gefängnis kam, und schließlich wegen eines missglückten Fluchtversuchs noch ein drittes Mal. Kurz vor dem Mauerfall gelang es ihm dann doch, in der BRD anzukommen und damit begann ein steiler Aufstieg in der Neo-Nazi-Szene.
Sehr eindrücklich und berührend erzählt er, wie es schließlich nach der Serie von Brandanschlägen in Rostock und Mölln zu seinem Ausstieg aus der Szene kam, mit welchen Drohungen er danach als Verräter konfrontiert wurde, wie er sein Leben neu organisieren musste und schließlich 2002 Mitbegründer von „EXIT“ wurde. „EXIT“ ist eine Initiative, die Menschen darin unterstützt, sich von extremen Organisationen zu lösen und sich ein neues Leben aufzubauen.
Wie mittlerweile auf Gut Sonnenburg üblich gab es auch am Sonntagmorgen im Anschluss an den Film einen Dialog mit den Besucher*innen, der an eigene Erinnerungen anknüpfen konnte, Fragen stellte und in diesem Fall noch viel länger hätte andauern können. Nicht zuletzt, weil Nadja Klier und Ingo Hasselbach es sich zu ihrer gemeinsamen Aufgabe gemacht haben, politische Bildung in Schulen anzubieten, damit das Unrecht nicht in Vergessenheit gerät, damit wir alle wach bleiben und wertschätzen, was wir an Freiheit tatsächlich haben.

Der gestrige Abend und der heutige Vormittag – tatsächlich zwei völlig verschiedene Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte. Aber während man bei Linebug sich tatsächlich manchmal nah am Himmel fühlen durfte ob all der Leichtigkeit, die den Abend durchzog, waren wir heute in der Hölle – wir hatten Teil an schmerzhaften Erfahrungen, an Pein, Qual und Leiden. Linebug hatte ein versöhnendes Moment, ihr illustriertes Konzert war wie eine herzliche Umarmung. Der Bericht von Nadja Klier und Ingo Hasselbach dagegen hat eine Wunde offengehalten.
Möglich, dass der Tango am Nachmittag eine melancholische Decke über beides ausbreiten konnte. Für mich klang ein Satz von Ingo Hasselbach noch lange nach: wer nicht leiden will, muss hassen. Vielleicht ist das die versteckte Antriebsfeder für die zunehmende Gewalt, für die zunehmende Feindlichkeit gegenüber dem Fremden mit der wir heute konfrontiert werden.
10.10.
von Heiko Michels — „Wollt ihr einen ökonomischen Veranstaltungsbetrieb aufbauen oder Revolution machen?“ – das war die Antwort eines Bewohners des Dorfes Sonnenburg, das ans gleichnamige Gutshaus bei Bad Freienwalde grenzt, die Antwort, als er das Programm des 5-wöchigen Himmel-und-Hölle-Marathons gesehen hatte und man ihn in dem Zug zum gemeinsamen Pizzabacken mit anschließendem Konzert einlud. Cynthia Berman-Gerber springt als Prolog des Abends am 10. Oktober auf die Bühne, und spricht erregt über diese lokalen Reaktionen. An der flammenden Geste der argentinischen Wahlbrandenburgerin kann man die Antwort auf die Frage ablesen. „Wie jedes Jahr wollten wir als Veranstaltungsort zum Tag der Einheit etwas mit den Dorfbewohnern teilen, sie einladen und einbeziehen. Das Interesse war geringer als die letzten Jahre. Vier Personen.“ Die Sonnenburg gehöre als einer von 600 Orten zu der Initiative „Wohnzimmer der Gesellschaft“ von Harald Welzer und seiner Stiftung Futurzwei. Aus ihrem Statut:
Eine Demokratie braucht analoge Räume der Begegnung. Von der Scheune, in der sich das Dorf einmal im Monat trifft, über Menschen, die gemeinsam im Chor singen, bis zu Bibliotheken, in denen man nicht nur Bücher leiht – überall in Deutschland eröffnen solche Wohnzimmer der Gesellschaft, in Privaträumen, in Kommunen, in Institutionen oder in Unternehmen.
Futurzwei
Ein Teil der Gesellschaft verwehrt sich heute diesem Kontakt. Man möchte nicht mit Rechtsradikalismus in der DDR und heute, mit den Männerphantasien von Ribbentrop und Sindermann oder mit der digital-verlogenen Inszenierungen von Tradewives im aktuellen AfD-Umfeld konfrontiert werden. Stattdessen projiziert man aus dem Unwohlsein in der Gesellschaft mit Forderung nach Remigration Sündenböcke und schafft Erinnerung an Höllen deutscher Vergangenheit. Diese Wut im Bauch ist der Psychoanalytikerin Cynthia anzusehen, „Remigration, pah! Ich kam mit 2000 Dollar nach Deutschland, hab neben dem Studium, anders als die Kommilitonen, geputzt, gekellnert, ich habe hier etwas aufgebaut, und öffne den Raum für alle.“
An diesem Abend, den Cynthia einleitet, sind zwar nicht alle, aber doch viele gekommen, der Saal ist gut gefüllt. Hannah Lühmann gibt eine Lesung aus ihrem Roman „Heimat“ in dem sich die sogenannte Tradewife-Bewegung in Deutschland spiegelt. Dessen urban geprägte Protagonistin Jana zieht mit Mann und zwei Kindern aufs Land, wohin ist nicht genauer bestimmt. Mit dem dritten Kind schwanger, hat sie den Job gekündigt, sucht nach Anschluss. Den findet sie in Person der faszinierenden Karolin und einem Kreis Mütter um sie herum. Diese pflegen traditionelle Praktiken: Stricken, Backen etc. Für Kleinkindmütter erscheint das durchaus als sinnvoll bis sinngebend. Dem Kita-Besuch stehen die Landmütter skeptisch gegenüber (und – wie sich in den Gesprächen langsam rausschält – jeglicher gesamtgesellschaftlich-demokratischen Kontrolle). Und dass die Tradition keine Nanny aus Georgien (mit ablaufenden Visum, egal, man braucht eine neue) und keine andauernde Spiegelung des ach so natürlichen Lebens auf Instagramm vorsieht, wird von den Tradwives geflissentlich ausgelassen. Wo das Geld für das traditionelle Landleben herkommt, sowieso.

Die Autorin liest aus drei Kapiteln, die ahnen lassen, wie Jana immer weiter in dieses ambivalente Feld zwischen Faszination und Horror gerät, dass keine schnellen Auswege und einfachen Gegenantworten ermöglicht.
Fasziniert war bei der Vorrecherche auch Autorin Hanna Lühmann, berichtet sie. Sie ist von Haus aus Journalistin, arbeitete u.a. für die Welt. Lühmann berichtet, dass sie sich in der Vorrecherche mit immer mehr hiesigen wie internationalen Tradewife-Profilen auf Instagram vernetzt hat, teils dann stundenlang selbst fasziniert in der Timeline festhing und hängt. So einfach abzutun, scheint dass mit der Tradewife-Bewegung nicht, die für Trump mit wahlsiegbestimmend war. Mir scheint – und den Gedanken finde ich wiederum faszinierend – als hätte hier eine Journalistin das Medium gewechselt, von der Reportage zur Romankunst, weil man das Phänomen gerade hier besser ausspielen und damit begreifen kann.

Dass das ganze kein Randthema ist, davon zeugt die rege Diskussion, moderiert von der preisgekrönten Radio-Feature-Macherin Christiane Seiler. Ihre Fragen an die Autorin in den zwei Lesepausen werden sofort von Einwürfen aus dem Publikum multipliziert. Es kommen Erfahrungen, inwieweit das Tradewife-Phänomen in Ost-Brandenburg Thema ist (während die älteren das sehr in Frage stellen, widersprechen zwei Millennial-Gästinnen – das Problem sei bei jungen Müttern hochpräsent), man fragt inwieweit die Bewegung politisch und männlich gesteuert ist, da gibt es Widerspruch: die Frauen suchten sich das schon selber aus. Lühmann selbst weiss auf fast jede Frage Antworten mit Zitaten wissenschfatlicher Forschungen, sie Dann bemäkelt man, dass hier in der Diskussion fast nur Männer das Wort erheben. Eine Männerstimme (ich gebe zu, ich der Autor) wirft ein, man müsse die zunehmende Entfremdung von Alltagspraktiken und Natur auch als Symptom mitlesen, nicht allein die AfD-Demagogen beschimpfen. Das wäre selbst Sündenbock-Praxis.
Eine genau Zusammenfassung ist hier nicht möglich, eine mit Mikrofon anwesende Podcast-Macherin könnte bald differenzierter Live-Stimmen liefern. Die Meinungen schießen hin und her, so dass die Moderatorin Schwierigkeit hat, den dritten Leseblock anzusagen. Und, Fun Fact bei dem Thema, die Autorin muss irgendwann den offiziellen Teil des Abends abbrechen, weil sie ihre zwei Kinder in der Gästewohnung des Gutshauses ins Bett bringen muss. Die Gäste lassen sich davon nicht abhalten, bei gutem Rioja wird an den Tischen weiterdiskutiert. Die Vision von Harald Welzer eines „Wohnzimmers der Gesellschaft“, das Raum für Kontroversen und gesellschaftliche Ambivalenzen gibt, hat sich heute eingelöst!
11.10.
Lasst uns ins Offene gehen
von Werner Gerber — Zur Matinee hatten wir dann zur einer Meditation mit Dr. Christel Weiler geladen. Leider zogen es unsere treuen Besucher doch vor zu Hause zu frühstücken und so kamen wir in unserer kleiner Runde in den Genuss die Zeilen von Hölderlin (an Landauer) zu hören
Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtgläubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt‘ und der Mühe
Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.
Mit Cynthia Fleurys Zeilen aus dem hochaktuellen Buch Hier legt Bitterkeit begraben fanden wir einen schönen Abschluss zu diesem sehr bewegenden Wochenende —
„Das Offene zu wählen, dem Ressentiment zu widerstehen bedeutet, sich für den kreativen Weg der Urteilskraft zu entscheiden. “
— bevor wir dann dem Maler Genia Chef bei seinem kreativen Prozess in der Scheune wieder über die Schulter schauen durften.
17.10.
von Werner Gerber — Diese letzte Reiseetappe startete mit einem Vortrag meinerseits, der die Frage stellte:
Die Göttliche Komödie, eine Männerphantasie?
Vorab einige Anmerkungen zur Biographie Dantes: Ich kann nicht anders, ich lese immer psychoanalytisch, symbolisch. Wenn Dante schreibt: „auf halbem Wege unseres Erdenlebens erwachte ich in einem dunklen Wald, nachdem der gerade Pfad verloren war (Inferno I, 1-3)“ dann höre ich, dass da jemand in der sogenannten midlife crisis ist, auf einer existentiellen Sinnsuche in seinem Leben. Der gerade Weg wäre wohl die politische Karriere gewesen, die ihm gerade verwehrt wurde. Typisch für den ganzen politischen Filz, der auch damals in seiner Heimatstadt Florenz schon sein Unwesen trieb, hatte Dante das Pech, auf die falsche Partei gesetzt zu haben, jedenfalls nicht auf die siegreiche, was für ihn in einer Verbannung mit Todesdrohung mündete.
Die daraus entstandenen Kränkungen und Ressentiments sind zum grossen Teil der Stoff der Comedia. In der Hölle müssen alle seine politischen Feinde grässlich büssen, wie wir es bei der Lesung von Inferno hören konnten. Eine ziemlich offensichtliche Rachephantasie!
Der Dante Biograph Kurt Leinhard (rororo-biographien) schreibt zu den ersten Begegnungen im Wald vor der Hölle:
Zuerst erscheint nur ein geringerer Dämon: ein Leopard oder ein Gepard mit kokett geflecktem Fell, Eitelkeit, Geilheit, Neid in einer einzigen Gestalt, kurz jene törichte Verführung durch die gleißenden Reize der Frau Welt, die unser Mann durch ernste Zucht und Übung überwunden zu haben glaubt. Mit dem Strick des franziskanischen Laienbruders, den er um seine Hüften trägt, würde es ihm ein Leichtes sein, die schleichende Katze, die nur Narren und niedrigen Naturen gefährlich wird, einzufangen und unschädlich zu machen. Doch sein guter Mut vergeht beim Anblick eines zornig stolzen Löwen, den man als Superbia (Hochmut) gedeutet hat, und einer zähnefletschenden hageren Wölfin, die ihm auf dem Fuße folgt. Diese Wölfin ganz besonders, augenfälligstes Inbild der Hab- und Machtgier.

Vergil, der grosse Meister aus der vorchristlichen Zeit, der eben nicht in den Himmel kommen konnte, weil ihm das als ungläubiger Heide verwehrt bleiben musste, war für Dante ein idealer Führer. Er holte ihn vor dem Tor zur Hölle ab, begleitete ihn durch diese und das anschließende Purgatorium, um ihn zur eigentlichen Führerin zum Himmel, zur Erleuchtung zu geleiten, zu Beatrice.
Wer war nun Beatrice, das sublimierte Liebesobjekt Dantes? Fiktion oder Wirklichkeit? 1289 ist „Beatrice“ mit 24 Jahren gestorben und war damit das ideale Objekt für Dantes Minne. Jetzt bestand keine Gefahr mehr, dass die Frau ihm real begegnen könnte. Die Körper waren für immer getrennt.
In der Jugenddichtung, die „vita nuova, das neue Leben!“ 1295 erschienen, also lange vor der „Comedia“, beschreibt Dante wie die Leiche der toten Beatrice ihn zum Schreiben erweckt hat:
Und Amor sprach: ›Nun muß ich dir’s gestehen,
Die Herrin starb, komm mit mir, sie zu schauen.
Und ich, vom Wahn entrückt,
Ging hin, die süße Tote anzusehen.
Und als ich sie erblickt,
Da deckten mit dem Schleier sie die Frauen.
So süße Demut lag auf ihr hinieden,
Daß sie zu sagen schien: ›Ich bin in Frieden.
Eine Vision, in der zwei Herren eine »süße Tote« anschauen gehen und befinden, sie sei »in Frieden«. Was hat Beatrices Tod mit Dantes Buch zu tun? fragt Klaus Theweleit im „Buch der Könige – Orpheus und Eurydike“. (Verlag: stroemfeld/roter stern)
So schrecklich es klingt: er ist seine Voraussetzung. Ohne dass die wirkliche Beatrice gestorben wäre, hätten weder die Vita Nuova geschrieben werden, noch hätte das Buch erscheinen können. Einer lebenden „Beatrice“, Bankiersgattin ein paar Häuser weiter, ihr nicht, ihrem Mann nicht, der Florentiner Öffentlichkeit nicht hätte die »Tote«, die Beweinte der Gedichte und des Kommentars angeboten werden können.
Nie war das Schreiben und die Veröffentlichung eines Stückes Literatur abhängiger vom wirklichen Tod einer wirklichen Person, einer wirklichen Frau, als dies. Erst als sie tot war, hatte er das Pergament, die Vita Nuova darauf zu schreiben, ihre Haut.
Nachdem in der Comedia Beatrice Dante in den Himmel geleitet hat, kann er sich in der Dreifaltigkeit auflösen – natürlich ohne Beatrice. Sie hat sich vorher in Luft aufgelöst und ist bei dieser Vereinigung dann nicht mehr nötig. Im ozeanischen Gefühl (Freud) ist er allein, vereint mit Gott, ein male-couple (Theweleit).
Beatrice hält jedoch Dante in den Schlussgesängen des Purgatorio noch eine Standpauke. Auch er soll Busse tun. Paul Sonderegger, unser begnadete Vorleser, der auch schwierigste Texte verlebendigen kann, sodass sie zu einem intensiven Erlebnis werden, trug nach meinem Vortrag die Begegnung Dante’s mit Beatrice am Ende des Purgatoriums vor:
Eigentlich hätte dich mein Tod erst recht auf dem richtigen Weg bestärken müssen. Denn mein nun zu Staub zerfallener Leib war doch so schön, dass nichts damit zu vergleichen war, was Natur oder Kunst dir im Leben sonst noch geboten haben! Wie konnte also noch irgendein sterbliches Wesen dein Begehren erwecken, nachdem dir das höchste Glück durch meinen Tod genommen war? Wäre es nicht angezeigt gewesen, die vergängliche Welt, von der ich nun kein Teil mehr war, als trügerisch zu erkennen und mir auf dem Weg zu den ewigen Gütern nachzufolgen? Wie konntest du dich stattdessen durch irgendwelche Mädchen und andere nichtige Reize herabziehen lassen? Es war doch klar, dass das Vergnügen kurz sein würde und die nächsten Schläge folgen mussten! Ein frisch geschlüpftes Küken macht vielleicht zwei oder drei böse Erfahrungen, aber spätestens wenn es ein erwachsener Vogel ist, sollte es doch eigentlich gelernt haben, den Fängern und Fallenstellern zu entgehen!“
Dante stand wortlos da wie ein kleines Kind, das sich schämt. Die ganze Zeit hielt er den Kopf gesenkt und blickte zu Boden. Doch hatte er gut zugehört und erkannte und bereute seine Schuld.

Nach diesem Lehrstück in christlicher Moral geleiteten wir den Maler Genia Chef in die Scheune, wo er sein grosses Gemälde signierte, obwohl er mit dem Bild eigentlich noch nicht zu Ende ist. Ob so ein Werk jemals wirklich zu Ende sein kann? Vielleicht ist auch dieses Ende nur ein Anfang?
Bis Pfingsten 2027 will er sein Werk vollendet haben und wir werden den Abschied bestimmt mit einer weiteren Veranstaltung feiern, bevor Genia Chef mit seinem „Psychedlic Dante“ weiter zieht zu einer Ausstellung in Ungarn.

In der nun folgenden Performance von V3ruschka und Inga Gellert…
Von Liebe. Und dem Krieg
…stellten die beiden Frauen alle Bedeutungen mit denen wir uns nun sechs Wochen beschäftigt haben, Schuld, Sühne, Gerechtigkeit, Gesetz, Gewalt … in einen rätselhaften Frageraum.
Zu dem starken Gedicht „rum kriegen …“ von Inga Gellert, die als toter Soldat auf dem Boden lag, richtete V3uschka sich unter einem langen, magentafarbenen Schal auf einem Barhocker kauernd artistisch bewundernswert langsam auf. Hände und Füsse tauchten aus der Verhüllung auf, markierten Kampfgesten aus dem Fundus der Martial Arts und verschwanden dann wieder. Verkörpert sie die Liebe, die sich gegen den Krieg aufbäumt?
Tief beeindruckt von der Performance führten wir das Publikum zurück in die Antike und verliessen damit den christlich ideologischen Denkraum Dantes mit dem patriarchalen Monotheismus. Damals erlebte das römische Reich seine Blütezeit, multikulturell mit der Koexistenz von vielen parallelen Religionen und Kulten.


Wegen des schlechten Wetters verzichteten wir anschliessend auf die ursprünglich geplante Wanderung auf das freie Feld. Anstatt ins Offene zu gehen, genossen wir dank Paul Sonderegger mit einer weiteren Lesung die Mondnacht im gemütlichen Gutshaus.
Sonderegger las uns vor, dass die Erzählerfigur Lucius aus Apuleius ‚Metamorphosen’ von einer schönen Hexe in einen Esel verwandelt wurde und als solcher – immer noch mit uneingeschränkt menschlichem Verstand – eine wahre Höllenreise durch Griechenland erlebt.
Als Höhepunkt dieser Reise soll der Esel/Lucius eine öffentliche Kopulation mit einer Strafgefangenen als Folter auf dem Marktplatz vollziehen. Es gelingt ihm aber gerade noch die Flucht und am Ende seiner langen Reise überkommt ihn ein tiefer Schlaf.
Als er erwacht, erscheint ihm im Mondschein am Meer die Göttin Isis. Mit ihrem Auftauchen haben wir die patriarchale Ordnung der Christenheit verlassen und folgen den beiden zu einem farbenfrohen und heiteren Frühlingsfest zu ihren Ehren. Ihren Anweisungen folgend schnappte sich Lucius den Rosenkranz des Hohepriesters und verschlang diesen:
Zusehends fiel die häßliche Tiergestalt von mir ab. Es verging das schmutzige Haar. Die Haut verdünnte sich. Der fette Ranzen zog sich ein. Aus den Hinterhufen drängten sich Zehen hervor. Zu Händen, zu Fingern wurden die Vorderhufe. Der lange Hals verkürzte sich. Kopf und Gesicht wurden rund. Die ungeheuren Ohren nahmen ihre vorige Kürze wieder an. Die tölpischen Zähne wurden menschlich. Und der wahrlich mich mehr denn alles übrige gekränkt hatte, der lange Schwanz, verschwand.
sich. Kopf und Gesicht wurden rund. Die ungeheuren Ohren nahmen ihre vorige Kürze
Nun wurde uns Besucher*innen ein herrlicher Rosenblütentee gereicht, so dass auch wir wohlriechende, heilende Ruhe in diesem Tee ruht geniessen durften.
ENDE DES HÖLLENTAGEBUCHS

Die Veranstaltung Wir wollen Euch mal wat fragen mit Hasselbach/Klier am 4.10. wurde ebenso wie der Vortrag am 13.9. zum Tag des offenen Denkmals von Dr. R. Schmook zu Horst Sindermanns Plänen auf der Sonnenburg durch den Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur gefördert. Die Filmvorführung von „Die Mörder sind unter uns“ und die Lesung von „Heimat“ wurden gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.
Das Groß-Gemälde von Genia Chef bleibt bis Pfingsten 2027 im Kustall der Sonnenburg.
Gut Sonnenburg & Café Gut Sonnenburg
Sonnenburg 6
16259 Bad Freienwalde (Oder)

