{"id":1115,"date":"2026-09-24T10:33:32","date_gmt":"2026-09-24T08:33:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/?p=1115"},"modified":"2026-09-25T11:21:59","modified_gmt":"2026-09-25T09:21:59","slug":"quad-klaenge-und-farben-aus-der-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/09\/24\/quad-klaenge-und-farben-aus-der-stille\/","title":{"rendered":"QUAD &#8211; Kl\u00e4nge und Farben aus der Stille"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">von Thomas Uhlmann &#8212; \u00fcber seinen Besuch bei &#8222;Drei Tage Klang, Bild, Objekt und Performance&#8220; im MagnetLAB bei Bad Freienwalde des Projekts ANGST Basel (18. &#8211; 20.9.2026) &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reden wir \u00fcber Kunst: K\u00fche geben bei klassischer Musik mehr Milch. Das ist wissenschaftlich belegt und geht mir in einem ehemaligen Rinderstall bei Bad Freienwalde im Nordosten Brandenburgs durch den Kopf. Die K\u00fche hier wurden hier allerdings schon vor l\u00e4ngerem abgewickelt. Zusammen mit der DDR. Initiator Christian Graupner hat den Lost Place in einen Showroom verwandelt. So ist hier viel Platz f\u00fcr Kunst, f\u00fcr eine Musikinstallation aus Sounds, Collagen, Kl\u00e4ngen mitten in der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir arbeiten aus der Stille heraus,\u201c fl\u00fcstert Macher Graupner, \u201eWind, Vogelstimmen, Bl\u00e4tterrauschen \u2026\u201c Daher soll im Klangraum nicht geredet werden. Das Publikum lauscht und schweigt. Das finde ich sehr angenehm, denn meistens wird zuviel geredet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Installation l\u00e4uft \u00fcber Soundfiles auf 4 Kan\u00e4len unter dem Dach von Graupners ANGST Basel. Daher der Name QUAD (f\u00fcr Quadrophonie). Kreative aus verschiedensten Musik- und Kunstgenres haben dazu beitragen. Klangforscher, Komponisten zeitgen\u00f6ssischer Musik, Noise-Experten und Vertreter der Popmusik.&nbsp;Dazu gibt es kinetische Objekte, Bilder, Filmsequenzen und schlie\u00dflich eine Performance, \u201eeine prek\u00e4re\u201c, droht Graupner. Der Musiker, Produzent und Medienk\u00fcnstler hat das alles initiiert und zusammengestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin ganz passend mit <em>Das gro\u00dfe Zittern<\/em> an der <em>ANGST Basel<\/em> beteiligt,\u201c verr\u00e4t mir Jana Debrodt, \u201ebitte schreib das gro\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das mache ich, schreibe folgsam <em>DAS GROSSE ZITTERN<\/em> und Debrodt erl\u00e4utert ihre Sch\u00f6pfung. Sie ist \u00fcbrigens \u00fcberzeugte Berlinerin, die r\u00e4tselhafterweise ins uckerm\u00e4rkische Neuk\u00fcnkendorf emigriert ist, aber das tut nichts zur Sache: \u201eRund sechzig Drahtkleiderb\u00fcgel h\u00e4ngen dicht nebeneinander an einem metallenen Kleiderst\u00e4nder. Durch einen K\u00f6rperschallwandler wird die Garderobe in Schwingung versetzt \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich mich erkundigen kann, was ein K\u00f6rperschallwandler ist, ger\u00e4t die K\u00fcnstlerin in Fahrt:&nbsp; \u201eWas zun\u00e4chst lokal erscheint, entwickelt sich zu einem kollektiven Schwingen. Die Kleiderb\u00fcgel tragen eine zus\u00e4tzliche Ambivalenz. Als industrielle Alltagsobjekte verweisen sie auf den abwesenden menschlichen K\u00f6rper. Sie markieren dessen Form ohne ihn zu enthalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vortragende ertappt den Interviewer bei einem d\u00e4mlichen Grinsen und meint nachsichtig: \u201eIch mu\u00dfte selber lachen \u2026 aber dann ist mir das Lachen vergangen.\u201c Ich frage \u201eWarum?\u201c und hoffe auf ein Gest\u00e4ndnis aus dem aufregenden Leben einer K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit. Weit gefehlt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWeil einem das Lachen irgendwann immer vergeht\u201c, meint die Leiterin der Arbeitsgruppe Affektive Mechanik im Institut f\u00fcr Angewandte Resonanzforschung. Und hat nat\u00fcrlich recht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Musiker und Medienk\u00fcnstler Graupner kann aus dem Schatz seiner Kontakte sch\u00f6pfen: \u201eIch bin ganz happy, Marian Gold pr\u00e4sentieren zu d\u00fcrfen. Und die Arbeit mit der Stimme Phoebe Killdeers ist nicht nur eine gro\u00dfe Ehre, sondern geradezu bewu\u00dfsteinserweiternd\u201c, schw\u00e4rmt er. Ersterer ist uns \u00c4lteren von <em>Alphaville<\/em> bekannt, letzere auch den j\u00fcngeren H\u00fcpfern durch <em>Nouvelle Vague<\/em>. Mit fast allen Klang-, Multimedia- und Musikschaffenden verbindet ihn Kooperation und Freundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer K\u00fcnstler h\u00c4K nutzt Social-Media-Benachrichtigungst\u00f6ne als Rohmaterial und upcycelt den klanglichen Abfall des digitalen Zeitalters zu elektronischer Musik\u201c, informiert mich der Ausstellungsmacher leise vor der T\u00fcr. Eine sch\u00f6ne Idee, finde ich. Au\u00dferdem lie\u00dfe Jo\u00e3o Pais \u201eBachs Goldberg-Variationen in einer multidimensionalen Klanglandschaft r\u00e4umlich erleben\u201c. Finde ich auch gut. Mit Bach liegt man in Brandenburg immer richtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Applaus f\u00fcr den Kontakter und Netzwerker Graupner kommt vom Ende des Klangraumes. Da klappert sich eine Installation in die Herzen des erwartungsfrohen Publikums. Den K\u00fcnstler Rafael Hohlfeld fasziniert die Sch\u00f6nheit der Mechanik. Alltagsgegenst\u00e4nde &#8211; hier Teesiebe &#8211; treten in neue Zusammenh\u00e4nge. Sie klappen rythmisch auf und zu, was akkustisch an Klatschen und optisch an zuschnappende M\u00fcnder erinnert. Ich mu\u00df an Little Shop of Horror denken und finde es toll!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bilder h\u00e4ngen auch rum. Am besten gef\u00e4llt mir ein kleiner Hitler mit Luftballon, so banal wie b\u00f6se, mit wenigen Strichen l\u00e4cherlich gemacht von Kathleen Gallert aus Stolzenhagen. Heute wird in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gew\u00e4hlt. Hoffentlich vergeht mir nicht &#8211; siehe oben &#8211; das Lachen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch vorerst naht H\u00f6hepunkt und Schlu\u00df des aufregenden Tages &#8211; eine Performance von V3Ruschka. Das Motto der ebenso sportlichen wie wei\u00df gewandeten Artistin: Care.Less.Caress.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"847\" height=\"1024\" data-attachment-id=\"1119\" data-permalink=\"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/09\/24\/quad-klaenge-und-farben-aus-der-stille\/v3ruschka\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?fit=1498%2C1812&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1498,1812\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;1.8&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;iPhone SE (3rd generation)&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1789848876&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;3.99&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;640&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.052631578947368&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"V3Ruschka\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Performance von V3Ruschka \u00a9 Thomas Uhlmann&lt;\/p&gt;\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?fit=847%2C1024&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305-847x1024.jpg?resize=847%2C1024&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-1119\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?resize=847%2C1024&amp;ssl=1 847w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?resize=248%2C300&amp;ssl=1 248w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?resize=768%2C929&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?resize=1270%2C1536&amp;ssl=1 1270w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/V3Ruschka-e1790238692305.jpg?w=1498&amp;ssl=1 1498w\" sizes=\"(max-width: 847px) 100vw, 847px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup>Care.Less.Caress &#8212; Performance von V3Ruschka \u00a9 Anja Freyhoff<\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das letzte Mal bei einer Performance in der Haupstadt bin ich mit roher Leber beworfen worden. Daher: nie wieder 1. Reihe! Aus Erfahrung klug rutsche ich ein wenig zur Seite. Die Vorsicht war unn\u00f6tig. Veruschka schafft es, ihre Zuschauer ohne blutige Innereien zu treffen und arbeitet sich an einem Sparringpartner aus Plaste und Elaste und sich selbst ab. Fremde Stimmen dirigieren sie und und lenken ihr Verhalten. Es geht um die allt\u00e4gliche Gewalt gegen Frauen. Mann mu\u00df speziell an den Fall Gis\u00e8le Pelicot denken. Der Gummimann wackelt bedenklich und wird in den W\u00fcrgegriff genommen, erweist sich aber als Stehaufm\u00e4nnchen und bleibt bedrohlich. Die scharfen Schatten auf der get\u00fcnchten Wand unterstreichen effektvoll den Fight auf der B\u00fchne. Ich schwitze vom blo\u00dfen Zugucken. Zum Gl\u00fcck wei\u00df V3 sich zu wehren. Ob per Kampfkunst oder Poledance &#8211; sie bew\u00e4ltigt das schwere Thema dank dem unkonventionellem Umgang mit den Diziplinen mit einer fast absurden Leichtigkeit. Schlie\u00dflich: ein starkes Ende. Mehr wird nicht verraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer ordentlichen Kulturkritik im Feulleton w\u00fcrde nun stehen: die Vorf\u00fchrung l\u00e4\u00dft einen nachdenklich zur\u00fcck. Das schreibe ich nicht, sondern benutze meine H\u00e4nde zum Klatschen. Wie alle. Wie auch die schnappenden Teesiebe. Denn der Applaus ist hart verdient. Care.Less.Caress. Jede\/r mache sich seinen Reim darauf und wer\u2019s nicht rafft, kommt nimmer drauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:13px\">QUAD im MagnetLAB des K\u00fcntslernetzwerks ANGST Basel | Sonnenburg bei Bad Freienwalde 18.-20. September 2026.<br>Mit Arbeiten von Phoebe Killdeer + The Shift, Marian Gold (Alphaville), Renard, YaneQ, h\u00c4K,<br>VOOV (HUMATIC), Jo\u00e3o Pais, Olivier Pasquet, Jana Debrodt, KAI (Dead Chickens), Kathleen Gallert, Rafael Hohlfeld, Tatsuhiko Yokoo, Alex Herzog und einer Performance von V3Ruschka. Initiator: Christian Graupner.<br>Mehr \u00fcber das Projekt ANGST Basel unter <a href=\"https:\/\/angstbasel.com\/\">angstbasel.com<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thomas Uhlmann &#8212; \u00fcber seinen Besuch bei &#8222;Drei Tage Klang, Bild, Objekt und Performance&#8220; im MagnetLAB bei Bad Freienwalde des Projekts ANGST Basel (18. &#8211; 20.9.2026) &#8212; Reden wir \u00fcber Kunst: K\u00fche geben bei klassischer Musik mehr Milch. 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