{"id":193,"date":"2026-06-07T16:30:00","date_gmt":"2026-06-07T14:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/?p=193"},"modified":"2026-06-10T07:55:28","modified_gmt":"2026-06-10T05:55:28","slug":"fremde-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/06\/07\/fremde-zukunft\/","title":{"rendered":"Fremde Zukunft"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">von Uwe Rada &#8212; Theater H\u00dcGENOTTEN in Oderberg &#8212; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">\u201eKaputte Familien, zerhauene Geh\u00f6fte, gefallene Kircht\u00fcrme \u2013 nehmen Sie sich, was sie brauchen! Brandenburg ist Ihrs!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left is-style-solarized-light wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);line-height:0.9\"><sub><em>Im Jahr 1685 kamen mit dem Toleranzedikt von Potsdam eine enorme Anzahl Refugiees aus Frankreich nach Brandenburg &#8211; Heiko Michels arrangiert &#8222;H\u00fcgenotten &#8211; Willkommen in Brandebourg&#8220; als politische Parabel.<\/em><\/sub><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Was also ist, wenn alles in Tr\u00fcmmern ist? Ist das das Ende der Welt? Oder gibt es eine Zukunft? Und wer macht sie, diese Zukunft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Das Performance-Netzwerk \u201eLimited blindness\u201c hat diese Fragen als Stationenthater inszeniert und am 6. Juni 2026 auch in Oderberg aufgef\u00fchrt. Die erste Station, der Marktplatz, verwandelt das Publikum der Rathaus-Spiele kurzerhand in einer Gruppe franz\u00f6sischer Glaubensfl\u00fcchtlinge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Es ist eine Werbeveranstaltung, wie sie mancher von Pauschalreisen kennen mag. Eine preist, eine andere dolmetscht. Nur dass es in Brandenburg nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg nicht mehr viel zu holen gibt. Geholt wurden stattdessen die Hugenotten. Das Toleranzedikt des Kurf\u00fcrsten von 1685 verspricht ihnen Steuerfreiheit, Land, Zukunft. Aber verspricht es wirklich Toleranz?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Ganz k\u00f6rperlich erleben diese Frage die Zuschauer an der Alten Oder. Fremde k\u00f6nnen nicht nur Zukunft ins Land bringen, sie schleppen vielleicht auch Seuchen ein, Unheil, weiteres Verderben. Liz Erber spielt die Verantwortliche, die die Ankommenden auf ihre Gesundheit untersuchen soll, als Seherin. \u201eIch kann eure Krankheiten riechen\u201c, droht sie, w\u00e4hrend sie die Reihe abgeht und Witterung aufnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Das ist bedrohlich und wirft die Frage auf: Welchen Schutz genie\u00dfen die Fremden? Sind sie nur als Arbeitskr\u00e4fte, Bauern, Handwerker willkommen? Oder haben sie auch Rechte? Wo werden sie wohnen? Wie werden sie beten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Dass es mit der Toleranz in Brandenburg auch gegen\u00fcber den eigenen Leuten nicht zum besten bestellt ist, zeigt der Monolog von Erber, der bald schon in einen Opfergesang umschl\u00e4gt. Sie selbst, die Seherin, wird von den Eigenen als Hexe verd\u00e4chtigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Bereits zuvor, auf der B\u00fchne des \u201cSchwarzen Adlers\u201d, h\u00e4lt ein angehender Beamter, der von Martin Heesch grandios gespielt wird, den Glaubensfl\u00fcchtlingen einen Vortrag \u00fcber preu\u00dfische Tugenden. Genauigkeit, Pr\u00e4zision, P\u00fcnktlichkeit schreibt er ihnen ins Stammbuch. \u201cDas k\u00f6nnten Katholiken niemals aushalten\u201d, provoziert er. \u201cW\u00fcrden sich in der Zeit verlieren von Schlag zu Schlag.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Und dann stehen da auch die kulturellen, in diesem Fall kulinarischen Fragen im Raum. \u201eHam Sie wat zu essen mitjebracht?\u201c, fragt die Nachbarin, die Ines Burdow als berlinerndes Schwatzweib spielt. \u201eMan isst hier nur P\u00f6kelfleisch. Wir h\u00f6rten von franz\u00f6sischer K\u00fcche: Spargel, Burgunder, So\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Nat\u00fcrlich halten historische Analogien auch Fallen bereit. Die gr\u00f6\u00dfte von ihnen ist vielleicht nicht die, falsch verstanden zu werden, sondern falsch verstanden werden zu wollen. Dann wird die Analogie selbst zum Problem, ist keine Einladung mehr zum Dialog, sondern tr\u00e4gt zur Spaltung bei, ob gewollt oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Beim Theaterst\u00fcck \u201eH\u00fcgenotten. Willkommen in Brandenbourg\u201c ist das anders. Wenn es eine Analogie gibt, findet sie im Kopf des Publikums statt. Das macht den von Heiko Michels inszenierten Stoff in gewisser Weise resilient gegen jede Art von Vereinnahmung oder kopfsch\u00fcttelndes Ablehnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Am Ende bleiben vor allem Fragen: Wer ist heimisch in einem Land, in dem nach der gro\u00dfen Katastrophe so viele als Fl\u00fcchtlinge kamen? Und was passiert, wenn die Fl\u00fcchtlinge Fremde bleiben in der Fremde? Wenn Brandenburg nicht \u201eihrs\u201c wird?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:clamp(14px, 0.875rem + ((1vw - 3.2px) * 0.536), 20px);\">Hat man dann die Zukunft verspielt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Performende: <strong>Ines Burdow, Liz Erber, Marc Weiser, Martin Heesch, Antje Hagendorf, D\u00f6rthe Eickelberg<\/strong> |\u00a0Text &amp; Regie: <strong>Heiko Michels<\/strong> und das Team\u00a0<br><strong>N\u00e4chste Auff\u00fchrung<\/strong> im Rahmen der Berliner Museumsnacht im Hugenottenmuseum &amp; Franz\u00f6sischen Dom<strong> am 29.8.2026<\/strong><br>Theaterinszinierung &#8222;H\u00fcgenotten &#8211; Willkommen in Brandebourg&#8220; auf der Webseite des Labels Limited blindness: <a href=\"https:\/\/www.limited-blindness.eu\/huegenotten\">www.limited-blindness.eu\/huegenotten<\/a><br>Rathaus-Spiele Oderberg: <a href=\"https:\/\/www.rathaus-spiele.de\">www.rathaus-spiele.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><br><br><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Uwe Rada &#8212; Theater H\u00dcGENOTTEN in Oderberg &#8212; \u201eKaputte Familien, zerhauene Geh\u00f6fte, gefallene Kircht\u00fcrme \u2013 nehmen Sie sich, was sie brauchen! 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