{"id":587,"date":"2026-06-29T22:32:50","date_gmt":"2026-06-29T20:32:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/?p=587"},"modified":"2026-06-30T11:57:11","modified_gmt":"2026-06-30T09:57:11","slug":"steck-die-kinder-in-die-erde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/06\/29\/steck-die-kinder-in-die-erde\/","title":{"rendered":"Steck die Kinder in die Erde!"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">von Heiko Michels &#8212; bilinguales Theaterst\u00fcck auf der Oder &#8212; Flucht, Vertreibung, Umsiedlung &#8212;<br><br><strong>Das deutsch-polnische Theaterst\u00fcck \u201eJan &amp; Martha\u201c spielt Mitte der 1940er Jahre in den Wirren der Umsiedlungen \u00f6stlich der Oder. Ab 6. Juli tourt es auf einem Theaterboot auf dem Grenzfluss.<\/strong><br><br>In Polen hatte das St\u00fcck schon im Juni Premiere, und es gab ein Vorab-Gastspiel auf dem \u201eFestland\u201c im Schloss Trebnitz in Brandenburg, das ich besuchen konnte. Keine Angst vor fehlenden Polnischkenntnissen: Die polnischen Parts des bilingualen St\u00fccks werden durch einen Erz\u00e4hler \u00fcbersetzt, der mit Witz ins Spiel eingreift. Die deutsche Version feiert am 6. Juli in Eisenh\u00fcttenstatt Premiere und tourt dann flussabw\u00e4rts.<br><br>In einem Sommertheater, noch dazu auf einem Boot, erwartet man Shakespeares <em>Sturm <\/em>oder eine Hans-Albers-Revue. Tobias Lenel und sein Team servieren andere Kost: In der klaustrophobischen Kulisse eines Kartoffelkellers unter Deck ger\u00e4t das Publikum unmittelbar in die Spannungen eines der sensibelsten Momente der deutsch-polnischen Geschichte: der Zeit von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung im heutigen Westpolen. Und da ein Theaterboot an diesen hei\u00dfen Sommertagen doch verlockend ist, kommen Menschen mit diesen Geschichten in Ber\u00fchrung, die das Thema an Land vielleicht nicht unbedingt w\u00e4hlen w\u00fcrden.<br><br>Der deutschen Kartoffelb\u00e4uerin Martha (Paula K\u00f6nig) ist Jan (Pawe\u0142 Niczewski), ein polnischer Zwangsarbeiter, zugewiesen. Der SS-Mann, der um Martha buhlt, will Jan wegen einer Lappalie h\u00e4ngen, doch Martha sch\u00fctzt ihn \u2013 sie k\u00f6nne die Kartoffeln nicht allein einbringen, ihr Mann ist an der Ostfront verschollen, und die Wehrmacht braucht nun einmal Kartoffeln. Wir erleben, wie sich sch\u00fcchtern ein Vertrauen aufbaut zwischen der schlagfertigen B\u00e4uerin und dem zun\u00e4chst verunsichert wirkenden Jan. Doch dann erkrankt Martha, und jetzt ist es Jan, der sich um sie k\u00fcmmert. Die hustende Frau auf der Matratzengruft k\u00e4mpft, zum Greifen nah f\u00fcr die Zuschauer, ums \u00dcberleben, w\u00e4hrend sich die politische Karte wendet. Und Jan entwickelt jetzt Schlagfertigkeit. Thomas Gerber als russischer Soldat findet die wehrlose Frau im Bett. Im engen Raum sp\u00fcrt das Publikum seine wodkagetr\u00e4nkte Lust durch alle Poren. In diesem kurzen Moment bringt Gerber die Situation mit nur wenigen Gesten zum Gl\u00fchen: ein Blick, ein Griff zum G\u00fcrtel \u2026 eine Vergewaltigung muss nicht einmal angespielt werden, denn uns schie\u00dfen die Geschichten \u00fcber Sch\u00e4ndungen in den m\u00e4nnerlosen Brandenburger und Schlesischen H\u00f6fen 1945 sofort in den Kopf. Jan, im polnischen Singsang, rettet die Situation: \u201eTyphus\u201c \u2026 und schnell ist der Russe \u00fcber alle Berge.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img data-recalc-dims=\"1\" fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-attachment-id=\"593\" data-permalink=\"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/06\/29\/steck-die-kinder-in-die-erde\/dsc_2823\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?fit=4124%2C2749&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"4124,2749\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;3.2&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D850&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1780914544&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;14&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;400&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.016666666666667&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"DSC_2823\" data-image-description=\"&lt;p&gt;\u00a9 Piotr Wr\u0119ga&lt;\/p&gt;\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?fit=1024%2C683&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=1024%2C683&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-593\" style=\"aspect-ratio:1.4992762815800709;width:533px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=1024%2C683&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?resize=2048%2C1365&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/DSC_2823.jpg?w=3000&amp;ssl=1 3000w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Piotr Wr\u0119ga<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Sp\u00e4ter kommt ein eingespieltes Interview von \u00dcberlebenden dieser Zeit, spricht \u00fcber die Selbstmorde von Frauen und Kindern als Gnadenflucht vor den Vergewaltigungen und rei\u00dft uns kurz aus der Stringenz des St\u00fccks in die dokumentarische Realit\u00e4t. Das St\u00fcck ist aus Interviews entstanden, die vor zehn Jahren zum Thema in der Region gef\u00fchrt wurden. Viele Schicksalsschl\u00e4ge dieser Flucht- und Umsiedlungsphase sind in der Story komprimiert. Und wenn einem die Typen manchmal ein wenig stereotyp erscheinen, kann dies ein Regietrick sein, dass man sich nicht in Charakteren verliert, sondern die Stories greift, die sich im Zwischenland oft \u00e4hnlich abgespielt haben. Jan bringt Martha polnisch bei, sie singen Kinderlieder und nebenbei lernt das Publikum ein wenig die Sprache des Nachbarlandes mit.<br><br>Als dann aber die polnische Partisanin Oliwia auf der Suche nach Jan, den sie einst versteckt hat, ins Haus kommt, ist die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung dahin. Das schlechte Polnisch nimmt sie Martha nicht ab, sie entdeckt die Deutsche, und in einem atemberaubenden Monolog gegen die Deutschen federt sich all die Wut in den Raum, die sich im gedem\u00fctigten polnischen Volk und seiner Freiheitsk\u00e4mpfer aufgestaut hat. Man m\u00f6chte jedes Wort bejahen und ist gleichzeitig voller Mitleid f\u00fcr die kranke Martha \u2013 ein tragischer H\u00f6hepunkt. Dieser Ausbruch, den Maria D\u0105browska mit Tr\u00e4nen in den Augen nicht nur der Figur, sondern auch dem Publikum vor die F\u00fc\u00dfe wirft, macht kurz sprachlos.<br><br>Wir erleben die neu wachsende B\u00fcrokratie, wenn polnische Beamte die H\u00e4user f\u00fcr die Umsiedlung der nach Westen verschobenen Nation neu verteilen und ein Schachern um die \u201eH\u00e4user der anderen\u201c beginnt. Martha, Jan und Oliwia k\u00f6nnen zun\u00e4chst bleiben, aber als dann Marthas Mann doch noch aus dem Krieg zur\u00fcckkehrt, ist die bilinguale WG mit allen Ressentiments und Realspannungen perfekt. Kurz scheint es, dass sich eine Liebe anbahnt zwischen Jan und Martha, wie zwischen dem deutschen Ostfrontk\u00e4mpfer und der polnischen Partisanin. Doch dieses Happy End schenkt uns das St\u00fcck nicht, die Szene outet sich als surrealer Traum.\u00a0\u00a0<br><br>Das Schwitzbad zwischen hautnahem realistischen Theater, wie man es von Thomas Ostermeiers Berliner Baracke der Neunziger kennt und den dokumentarischen und Erz\u00e4hler-Momenten schafft es, dass das Publikum sich nicht im Einzelschicksal von Jan und Martha wegtr\u00e4umt, sondern immer wieder auf eine Reflexionsebene und auf die gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4nge geworfen wird. Das passiert noch einmal besonders am Ende: In einem Zeitsprung landen wir in den fr\u00fchen neunziger Jahren, Martha mit Mann kommt aus Westdeutschland in das polnische Dorf ihrer ehemals deutschen Heimat. In Altdamen-Pink gekleidet trifft sie auf das gealterte P\u00e4rchen Jan und Oliwia. Und: Sie haben sich einfach nichts zu sagen. Das St\u00fcck l\u00e4sst sein Publikum mit diesem Gef\u00fchl der Entfremdung zur\u00fcck. Das ist stark, mutig und wirkt wie eine Aufforderung, das letzte Kapitel selbst zu schreiben. Die Utopie einer neuen Nachbarschaft k\u00f6nnte sich bei anschlie\u00dfenden Gespr\u00e4chen an Bord des Theaterbootes an den Juliabenden auf der Oder einl\u00f6sen \u2013 mit dem Applaus werden Pellkartoffeln f\u00fcr alle serviert.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:29px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:13px\"><strong>Schauspiel:<\/strong> Paula K\u00f6nig (Martha), Pawe\u0142 Niczewski (Jan), Miron Jagniewski (Frantek , Filip , B\u00fcrgermeister), Thomas Gerber (Otto, Heinrich, sowjetischer Soldat), Maria D\u0105browska (Oliwia, Stadtbeamtin), Gottfried Breitfu\u00df (deutscher Erz\u00e4hler), Mateusz Wi\u015bniewski (polnischer Erz\u00e4hler). <strong>Regie:<\/strong> Tobias Lenel, <strong>B\u00fchnenbild:<\/strong> Birgit Angele<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:13px\"><strong>N\u00e4chste Auff\u00fchrungen:<\/strong><br>Eisenh\u00fcttenstadt \u2014 06.07.26<br>Frankfurt (Oder) \u2014 07.07.26<br>Lebus \u2014 08.07.26<br>Kienitz \u2014 09.07.26<br>Gro\u00df Neuendorf \u2014 09.07.26<br>Zollbr\u00fccke \u2014 10.07.26<br>Kuhbr\u00fccke\/Bleyen \u2014 12.07.26<br>Kostrzyn \u2014 12.07.26<br><br>Webseite des Projekts: <a href=\"https:\/\/janmartha.com\">www.janmartha.com<\/a><br>Das Projekt wurde mit INTERREG-Mitteln realisiert.<br><br>Transparenzhinweis: Ich habe mit dem Regisseur wie mit einigen Schauspielern schon zusammengearbeitet, habe aber trotzdem versucht, mein Theatererlebnis neutral festzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" data-attachment-id=\"595\" data-permalink=\"https:\/\/kulturschreiberinnen.de\/pl\/2026\/06\/29\/steck-die-kinder-in-die-erde\/piotr_wrega_siedliskodsc04886\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?fit=2000%2C1333&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"2000,1333\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1780956243&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"Piotr_Wr\u0119ga_SiedliskoDSC04886\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;\u00a9 Piotr Wr\u0119ga&lt;\/p&gt;\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?fit=1024%2C682&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?resize=1024%2C682&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-595\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?resize=1024%2C682&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?resize=768%2C512&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?resize=1536%2C1024&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/kulturschreiberinnen.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Piotr_Wrega_SiedliskoDSC04886.jpg?w=2000&amp;ssl=1 2000w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9 Piotr Wr\u0119ga<\/figcaption><\/figure>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Heiko Michels &#8212; bilinguales Theaterst\u00fcck auf der Oder &#8212; Flucht, Vertreibung, Umsiedlung &#8212; Das deutsch-polnische Theaterst\u00fcck \u201eJan &amp; Martha\u201c spielt Mitte der 1940er Jahre in den Wirren der Umsiedlungen \u00f6stlich der Oder. 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