von Thomas Uhlmann — über seinen Besuch bei „Drei Tage Klang, Bild, Objekt und Performance“ im MagnetLAB bei Bad Freienwalde des Projekts ANGST Basel (18. – 20.9.2026) —
Reden wir über Kunst: Kühe geben bei klassischer Musik mehr Milch. Das ist wissenschaftlich belegt und geht mir in einem ehemaligen Rinderstall bei Bad Freienwalde im Nordosten Brandenburgs durch den Kopf. Die Kühe hier wurden hier allerdings schon vor längerem abgewickelt. Zusammen mit der DDR. Initiator Christian Graupner hat den Lost Place in einen Showroom verwandelt. So ist hier viel Platz für Kunst, für eine Musikinstallation aus Sounds, Collagen, Klängen mitten in der Natur.
„Wir arbeiten aus der Stille heraus,“ flüstert Macher Graupner, „Wind, Vogelstimmen, Blätterrauschen …“ Daher soll im Klangraum nicht geredet werden. Das Publikum lauscht und schweigt. Das finde ich sehr angenehm, denn meistens wird zuviel geredet.
Die Installation läuft über Soundfiles auf 4 Kanälen unter dem Dach von Graupners ANGST Basel. Daher der Name QUAD (für Quadrophonie). Kreative aus verschiedensten Musik- und Kunstgenres haben dazu beitragen. Klangforscher, Komponisten zeitgenössischer Musik, Noise-Experten und Vertreter der Popmusik. Dazu gibt es kinetische Objekte, Bilder, Filmsequenzen und schließlich eine Performance, „eine prekäre“, droht Graupner. Der Musiker, Produzent und Medienkünstler hat das alles initiiert und zusammengestellt.
„Ich bin ganz passend mit Das große Zittern an der ANGST Basel beteiligt,“ verrät mir Jana Debrodt, „bitte schreib das groß.“
Das mache ich, schreibe folgsam DAS GROSSE ZITTERN und Debrodt erläutert ihre Schöpfung. Sie ist übrigens überzeugte Berlinerin, die rätselhafterweise ins uckermärkische Neukünkendorf emigriert ist, aber das tut nichts zur Sache: „Rund sechzig Drahtkleiderbügel hängen dicht nebeneinander an einem metallenen Kleiderständer. Durch einen Körperschallwandler wird die Garderobe in Schwingung versetzt …“
Bevor ich mich erkundigen kann, was ein Körperschallwandler ist, gerät die Künstlerin in Fahrt: „Was zunächst lokal erscheint, entwickelt sich zu einem kollektiven Schwingen. Die Kleiderbügel tragen eine zusätzliche Ambivalenz. Als industrielle Alltagsobjekte verweisen sie auf den abwesenden menschlichen Körper. Sie markieren dessen Form ohne ihn zu enthalten.“
Die Vortragende ertappt den Interviewer bei einem dämlichen Grinsen und meint nachsichtig: „Ich mußte selber lachen … aber dann ist mir das Lachen vergangen.“ Ich frage „Warum?“ und hoffe auf ein Geständnis aus dem aufregenden Leben einer Künstlerpersönlichkeit. Weit gefehlt!
„Weil einem das Lachen irgendwann immer vergeht“, meint die Leiterin der Arbeitsgruppe Affektive Mechanik im Institut für Angewandte Resonanzforschung. Und hat natürlich recht.
Der Musiker und Medienkünstler Graupner kann aus dem Schatz seiner Kontakte schöpfen: „Ich bin ganz happy, Marian Gold präsentieren zu dürfen. Und die Arbeit mit der Stimme Phoebe Killdeers ist nicht nur eine große Ehre, sondern geradezu bewußsteinserweiternd“, schwärmt er. Ersterer ist uns Älteren von Alphaville bekannt, letzere auch den jüngeren Hüpfern durch Nouvelle Vague. Mit fast allen Klang-, Multimedia- und Musikschaffenden verbindet ihn Kooperation und Freundschaft.
„Der Künstler hÄK nutzt Social-Media-Benachrichtigungstöne als Rohmaterial und upcycelt den klanglichen Abfall des digitalen Zeitalters zu elektronischer Musik“, informiert mich der Ausstellungsmacher leise vor der Tür. Eine schöne Idee, finde ich. Außerdem ließe João Pais „Bachs Goldberg-Variationen in einer multidimensionalen Klanglandschaft räumlich erleben“. Finde ich auch gut. Mit Bach liegt man in Brandenburg immer richtig.
Applaus für den Kontakter und Netzwerker Graupner kommt vom Ende des Klangraumes. Da klappert sich eine Installation in die Herzen des erwartungsfrohen Publikums. Den Künstler Rafael Hohlfeld fasziniert die Schönheit der Mechanik. Alltagsgegenstände – hier Teesiebe – treten in neue Zusammenhänge. Sie klappen rythmisch auf und zu, was akkustisch an Klatschen und optisch an zuschnappende Münder erinnert. Ich muß an Little Shop of Horror denken und finde es toll!
Bilder hängen auch rum. Am besten gefällt mir ein kleiner Hitler mit Luftballon, so banal wie böse, mit wenigen Strichen lächerlich gemacht von Kathleen Gallert aus Stolzenhagen. Heute wird in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Hoffentlich vergeht mir nicht – siehe oben – das Lachen …
Doch vorerst naht Höhepunkt und Schluß des aufregenden Tages – eine Performance von V3Ruschka. Das Motto der ebenso sportlichen wie weiß gewandeten Artistin: Care.Less.Caress.

Das letzte Mal bei einer Performance in der Haupstadt bin ich mit roher Leber beworfen worden. Daher: nie wieder 1. Reihe! Aus Erfahrung klug rutsche ich ein wenig zur Seite. Die Vorsicht war unnötig. Veruschka schafft es, ihre Zuschauer ohne blutige Innereien zu treffen und arbeitet sich an einem Sparringpartner aus Plaste und Elaste und sich selbst ab. Fremde Stimmen dirigieren sie und und lenken ihr Verhalten. Es geht um die alltägliche Gewalt gegen Frauen. Mann muß speziell an den Fall Gisèle Pelicot denken. Der Gummimann wackelt bedenklich und wird in den Würgegriff genommen, erweist sich aber als Stehaufmännchen und bleibt bedrohlich. Die scharfen Schatten auf der getünchten Wand unterstreichen effektvoll den Fight auf der Bühne. Ich schwitze vom bloßen Zugucken. Zum Glück weiß V3 sich zu wehren. Ob per Kampfkunst oder Poledance – sie bewältigt das schwere Thema dank dem unkonventionellem Umgang mit den Diziplinen mit einer fast absurden Leichtigkeit. Schließlich: ein starkes Ende. Mehr wird nicht verraten.
In einer ordentlichen Kulturkritik im Feulleton würde nun stehen: die Vorführung läßt einen nachdenklich zurück. Das schreibe ich nicht, sondern benutze meine Hände zum Klatschen. Wie alle. Wie auch die schnappenden Teesiebe. Denn der Applaus ist hart verdient. Care.Less.Caress. Jede/r mache sich seinen Reim darauf und wer’s nicht rafft, kommt nimmer drauf.
QUAD im MagnetLAB des Küntslernetzwerks ANGST Basel | Sonnenburg bei Bad Freienwalde 18.-20. September 2026.
Mit Arbeiten von Phoebe Killdeer + The Shift, Marian Gold (Alphaville), Renard, YaneQ, hÄK,
VOOV (HUMATIC), João Pais, Olivier Pasquet, Jana Debrodt, KAI (Dead Chickens), Kathleen Gallert, Rafael Hohlfeld, Tatsuhiko Yokoo, Alex Herzog und einer Performance von V3Ruschka. Initiator: Christian Graupner.
Mehr über das Projekt ANGST Basel unter angstbasel.com


Kommentar
[…] im JETZT+HIER.Eine ausführliche Rezension zum MAGnetLAB auf kulturschreiber*innen lesen sie hier: QUAD – Klänge und Farben aus der Stille von Thomas […]