Drei laute Tage „Festival neuer Kunst lAbiRynT“ in der Doppelstadt Słubice – Frankfurt/ Oder — von Heiko Michels —
Die polnische Übersetzung ist z.Z. eine Maschinenübersetzung.
Es gibt ein Sehnen nach mehr Stille, in unseren Tagen voller piepsender Signale und Reminder. Es gibt eine klaustrophobische Stille in den vielfachverglasten Büros moderner Arbeitswelten, im weißen Rauschen der Klimaanlagen. Es gibt die Stille in der Innenstadt von Frankfurt/ Oder an einem Samstagnachmittag, weil die wenig verbliebenen Läden schon mittags schließen und die Kneipen sich kein echter, kein lauter Trinker mehr leisten kann… nur vereinzelnd in der Häuserschlucht schallt das Spielen einer Kinderhorde – weil sie kein stillendes Endgerät besitzen wie wohlhabendere Altersgenossen? Ich stelle mir das Marktreiben früherer Tage vor. Der Marktplatz, ein lauter Ort des Austauschs der Stadtgesellschaft.
Ich gehe über die Stadtbrücke nach Słubice. Die Stille der Oder ist eine spezifische, weil durch den jahrzehntelang kaum passierbaren „Friedenswall“ sich nie Industrie- und Straßenlärm etablieren konnte, hier siedeln Vogelarten, die Stille suchen, um resonant zu singen und einen einzigartig-schönen „Sound of Silence“ schenken. Jetzt hier, auf der Brücke, ist dieser nicht zu hören. Der Tanktourismus in Zeiten der Ölkrisen bestimmt die Soundkulisse.

Sehr laut ist es im SMOK (Słubicki Miejski Ośrodek Kultury) bei der Eröffnung des deutsch-polnischen Festivals für neue Kunst Labirynt. Das Thema dieses Jahr: „Stille / Cisza / Silence“. 135 Künstler*innen, zumeist bildende, sind eingeladen, in der Doppelstadt über drei Tage ihre Positionen zum Thema Stille zu zeigen. Im SMOK gibt es mehrere Galerieräume und einen Kino-/Theatersaal. Ich erlebe (unter vielem anderem) skulptural-bunte Bilderelemente, die Leerstellen des White Cubes rahmen; mich erstaunen mit Spiegeln kaleidoskopisch verzerrte Videoprojektionen von Handgesten, die beten, oder nach Innehalten zu rufen scheinen, doch im technisch-analogen Reflex immer wieder fragmentiert und in Bewegung gesetzt werden; vor mir stehen galvanisch verkupferte skulpturale Objekte, die sich wie Baumpilze in ein Inneres zurückzuziehen scheinen, dem Auge des Betrachters keine Figurität liefern, aber genau deshalb Ruhe ausstrahlen, auf eine andere Zeitlichkeit verweisen.


Die Oktobersonne liegt schon tief, durchs Galeriefenster sieht man den Oderdeich und die Silhouette von Frankfurt, das goldgrüne Licht verleiht dieser nachmittäglichen Vernissage eine magische Stimmung, die lange Rechtecke auf den Galerieboden malt. Das ist so fesselnd, dass sie mich fliehen lässt, aus der polnisch-deutsch-englischen Sprachresonanz zwischen den Galeriewänden. Auf dem Oderdeich vor den Fenstern ist es im Sonnenuntergang (über Deutschland) extrem und angenehm still. Die vorherige Kakophonie schafft Sensibilität für Stille.
135 Künstler*innen sind gelistet. In der Regel zeigen sie weit mehr als eine Position. (170 Seiten hat der aufwendig gestaltete Katalog.) Vieles wurde erst orts- und themenspezifisch entwickelt. Das Ganze spielt sich an zehn Stationen beidseitig der Grenze ab, nur für diese drei Tage gestaltet (mit Ausnahme der Magistrale-Ausstellung). 135 Kunstschaffende, ihre Freundeskreise und einige Besucher jenseits der Bubble (es sind weit weniger als die Kunstschaffenden) fahren und wandern als Schwarm drei Tage hin- und her, eine Vernissage jagt die nächste, um sie herum Fotografen, Filmkameras, mehrere polnische Medien die ständig interviewen (deutsche Medienvertreter habe ich nicht gesehen). Das ist laut, das ist verrückt. Das ist Kakophonie pur, zum Thema Stille. Ich sitze auf dem Oderdeich, merke, ich habe hier am Rand von Brandenburg ein ziemlich gewaltiges Kleinod entdeckt. Ich überlege, nicht darüber zu schreiben. Einfach mal still bleiben. Und wie soll man den vielen Einzelnen gerecht werden? Vielleicht ist es gerade diese Kakophonie der vielen Stimmen zur Stille, die ein eigenes und eigensinniges Sehnen nach Stille herausfordert, da es unsere gängigen Vorstellungen zum Phänomen Stille in seiner Massivität unwiederbringlich verrückt.
Ein manchmal lauter Aktionskünstler, Michael Kurzwelly, ist der deutsche Part des Kuratorenduos von Labirynt. Eine Woche zuvor hatte sein Theaterspaziergang „Alles Anders“, bei dem Straßennamen von Frankfurt symbolisch umbenannt wurden, Hate-Speech-Gebrüll im Netz provoziert. Beim Festival präsentiert er einen Taburaum (Titel: still eben), eine mit braunem Tesaband versiegelte Tür, hinter der es von Zeit zu Zeit laut-gefährlich brummelt. Unterm Türschlitz kann man Papiere greifen. Sie dokumentieren den SS-Beitritt am 30. Juni 1933 von Kurzwellys Großvater, die erst jetzt durch die Freigabe der US-Archive bekannt wurden. Polnischer Part des Leitungsduos von Labirynt ist die Fotografin, Multi-Media-Künstlerin und Kuratorin der Galerie Okno in Słubice Anna Panek-Kusz. Ihre Hauptinstallation für das Festival ist poetisch-leise: In einer Black Box der Hinterbühne des Kleist-Forums hängt Porzellangeschirr, Hunderte Teile, wie im Fall es nur Foto oder Film fassen könnte. Material vor dem Knall angehalten, ganz analog. Die ersten Besucher fangen spontan-sensibel zwischen dem Material zu tanzen an.
Am zweiten Tag lädt Anna Panek-Kusz in ihr Landhaus, ein Lehmbau-Architektur-Unikum im Wald. Ein lauter Reisebus fährt 20 Minuten von Słubice. Es gibt Würstchen, Glühwein, Landart zum Frühstück. „Stummschalten“ – eine mehrere Meter lange halbtransparente Freiluft-Fotoinstallation von Krzysztof Ślachciak fasziniert: Das abgebildete Panorama verschmilzt an Punkten mit der realen Landschaft ihres sichtbaren Hintergrundes, wobei der Print zu einer Seite ins Weiß ausfadet – Stille als visuelle Fade-Out-Erfahrung der Realität (das Titelbild dieses Beitrags).

Das Spektrum der Stillen, die das Festival offenbaren lässt, ist enorm: Luftaufnahmen von Kampfdrohnen dokumentieren das stille Töten per Fernsteuerung (Unclassified Silence von Franziska Carina Wulschke-Paczkowski). Hannes Förster schaltet „Das Dröhnen der politischen Schwätzer“ stumm, indem er PiS- und AfD-Pamphlete druckt, mit akkuraten Schnitten dem Papier wieder entkernt, im Papierkorb unterm Bild entsorgt. Albrecht Walter baut mit STILLesLEBEN unter vier Augen eine analoge Kammer, in der man dem Gegenüber zwar in die Augen schaut, aber dieser durch unzählig transparente schwankende Filter stumm, wie ein Bewegtbild wirkt. Die britische Performancegruppe Bogdan-Club lässt einen Kohlkopf (virtuell) explodieren, wobei die lange (mit britischem Humor angereicherte) Ankündigung die Spannung schafft, die sich dann im absolut stillen Knall entlädt. Ewa Martyniszyn stellt mit Rückkehren I ausgestopfte Tiere zurück in ihr ursprüngliches Habitat (so eine Rehmama mit Kitz in den Wald), eine fotografisch festgehaltene Perversion kitschiger Stilleben-Neoromantik, wie sie auf den sogenannten „Polenmärkten“ an der Grenze aufwarten. Katarzyna Skubisz zeigt stille Wasserwelten, Sümpfe, die an die Odergegend vor dem Eingriff des Menschen oder an triste Novemberspaziergänge erinnern lassen, bei denen der Nebel alle Akustik schluckt. Wolfgang Spyra hat eine Gruppe der Bürgerakademie angeleitet: sie haben Soundaufnahmen von Zwischenräumen der Doppelstadt gesammelt, leise Resonanzen von Mauern, Plätzen, Brücken und Bäumen, jeder eindeutig identifizierbarer Figur beraubt; hier ist Stille nicht Leere, sondern ein akustisches Spezifikum des Mikroterroirs. Uta Kurzwelly fotografiert in Schwarz-Weiß Menschen der Region, die sich ihre eigene Stillen imaginieren – die Portraits mit geschlossenen Augen werfen dem Betrachter den Ball zurück, denn sie portraitieren nicht und doch, der fehlende Blick verweist ins Innere, schafft Sehnsucht mitzureisen in den stillen Frieden von Menschentypen, die uns mit offenen Augen vielleicht weniger nah wären.
Wie gesagt, ich empfinde die Kakophonie der Positionen als Bereicherung; es gibt dann aber einen Ort, in dem sich das Kakophone in Kollektive Immersion auflöst: Student*innen und Dozent*innen für Experimentalfilm der Universität der Künste Poznań bespielen das enorme Kirchenschiff der Marienkirche, Ergebnis eines Studienaufenthalts in Frankfurt/ Oder. Ihr gemeinsame Titel „Echo“ verweist auf das, was wir nur erleben können, wenn wir Stille zwischen unseren Lautakten zulassen. An vielen Stellen der Kirche tauchen verschwommene Bewegtbilder aus dem Fast Nichts auf und verschwinden wieder, die Beamerkabel sind dabei durch ein sporenartiges in weißem Tuch verkleidetes Netz verbunden, ansonsten leere Hallmauern – die Kirche hat wenig Eigenverzierung. Das Publikum wird stiller beim Besuch, man muss die Bewegtbilder länger schauen, um Ahnung zu gewinnen, auf welchen anderen Ort sie verweisen. So der 5-minütige Film „Dinnerparty“ von Izabella Gustowska, die knapp 80-jährige ist eine Koryphäe des Experimentalfilms in Polen und weit darüber hinaus. Der flimmernde Oval-Film zeigt 13-jährige Mädchen am Tisch im Jahr 1953, immer wieder radieren sich die Gesichter geisterhaft aus, schaffen eine beunruhigende parapsychologische Resonanz zwischen Präsenz und Abwesenheit. Und wie die Gesichter sich vernebeln findet in der Kirchenstille die Vergangenheit einer Region Widerhall, in der Generationen vor uns Deutsche die Polen ausgelöscht haben.

Labirynt ist ein deutsch-polnischer Krafttakt, bei der sich die Nachkriegs- und Nachwende-Generationen austauschen, weniger in symbolischen Akten, wie wir sie im Rahmen von 35-Jahre-deutsch-polnischer-Freundschaftsvertrag dies Jahr vielfach erleben konnten. Sondern in künstlerisch tiefen und tabulosen Auseinandersetzungen, in der alles zur Sprache kommt – auch und vielleicht besonders, wenn das Thema Stille ist. Stille ist eine wichtige Voraussetzung, sich zuzuhören! Man sollte sich das nächste Festval Mitte Oktober 2027 vormerken!
Mit dem britisch-berliner Künstler Adrian Palka stehe ich zum Abschied auf der Stadtbrücke. Er meint „Wir sind hier Mitte der 80er rüber, wo nach den Solidarność-Aufständen der Grenzverkehr weitgehend dicht war. In den Straßen hinter Słubice, da war nichts, kein Auto, eine absolut kalte Stille, die alles schluckt.“ Gut, dass heute bei mir die Stille des Festivals noch lange nachhallt.
Der Rest ist Schweigen.

lAbiRynT – Festival für Neue Kunst
findet 2027 wieder vom 15. – 17. Oktober Oktober in Słubice & Frankfurt/ Oder
Kuration: Anna Panek-Kusz und Michael Kurzwelly
Ich entschuldige mich bei all den großartigen Künstler*innen und aufregenden Werken, die hier nicht genannt sein können. Die Webseite des Festivals zeigt viele weitere Arbeiten, der Festivalkatalog ist dort als PDF zu finden:
https://www.labirynt.slubice.eu/labirynt2026/wystawy-2/
Beteiligte Orte waren 2026:
Galeria Okno
Słubicki Miejski Ośrodek Kultury SMOK
Magistrale Kunsthalle
Dolina Uradu
Marienkirche
Haus der Künste
Biblioteka Miejska
Friedenskirche
Kleist Forum Volkshochschule
Beteilligte Künstler*innen:
Anna Andrzejewska, Ursula Antesberger, Agnieszka Antkowiak, Julia Bachur, Jan Berdyszak, Marcin Berdyszak, Anna Borowa, Julia Borowska, Armin Bremicker, Kate Burgener, Quirin Bäumler, Zuzana Capoušková, Witold Cholewa, Katarzyna Cichoń, Michael Clasen, Adam Czerneńko, Krzysztof Ćwiertniewski, Iwona Demko, Maja Drejer, Lioba von den Driesch, Jacek Dziubiński, Liz Erber, Tomasz Fedyszyn, Dariusz Fidrych, Magda Fokt, Hannes Forster, Alicja Gajda, Magda Grochoła, Malwina Grot, Magdalena Grzybowska, Juliusz Grzybowski, Agata Grzych, Izabella Gustowska, Armin Hauer, Frank Herrmann, Cezary Hładki, Alexander Horn, Patrick Huber, Anastazja Ivanitska, Karo Jankiewicz, Bartek Jarmoliński, Paula Jaszczyk, Jaromir Jedliński, Sonja Keppler, Gudrun Kissinger, Kinga Klajbor, Hanna Klewiado, Julia Klimek, Karolina Konczyńska, Georgia Krawiec, Emilia Kusz, Iga Kusz, Michael Kurzwelly, Uta Kurzwelly, Kalina Lamentowicz, Ute Lindner, Larys Lubowicki, Juerg Luedi, Ivana Lukavská, Ryszard Ługowski, Paweł Łyjak, Anna Łysiak, Beata Łysiak, Valerian Maly, Ewa Martyniszyn, Michał Matysiak, Kamil Mazur-Czerniecki, Heiko Michels, Bogusław Michnik, Simon Miles, Dariusz Mlącki, Susanne Moll, Paula Mroczkowska, Małgorzata Mrozek, Petr Moško, Rudolf Němeček, Johannes Nothum, Eeva Ojanperä, Dariusz Olechno, Zuzanna Orch, Adrian Palka, Anna Panek-Kusz, Piotr Paraniak, Iva Pavlátová, Maria Piątek, Krystyna Pieńkos, Marta Pogorzelska-Nędzi, Łukasz Prus-Niewiadomski, Natalia Reich, Silke Remmert, Carola Ruf, Jolanta Rycerska, Aleksandra Sakowska, Tadeusz Sawa-Borysławski, Klara Schilliger, Anja Schulz, Zbigniew Sikora, Paulina Silska, Katarzyna Skubisz, David Slosarczyk, Aleksandra Sojak-Borodo, Wolfram Spyra, Eberhardt Staar, Zdeněk Stuchlík, Nele Ströbel, Paulina Sylwestrowicz, Aneta Szczęniewicz, Krzysztof Ślachciak, Waldemar Śliwczyński, Filip Świadek, Iga Święcicka, Agnieszka Talaśka, Konrad Tschäpe, Agata Tusień, Roksana Vikaluk, Inga Wachowska, Albrecht Walter, Julianna Warywoda, Gisela Weimann, Karsten Wittke, Mikołaj Wojnar, Agnieszka Woźna, Hugo Woźniak, Piotr Wołyński, Pola Wójcik, Franziska Carina Wulschke-Paczkowski, Andriana Zheliazko, Karin Zilske, Karolina Zwoniarska, Robert Żbikowski










